Urlaub an der Belgischen Küste – Tag 10: Gent

Ab heute war wieder besseres Wetter vorhergesagt und die kommenden Tage sollte es sogar noch hochsommerlich werden. Aber bleiben wir zunächst doch beim heutigen Tag, der uns in die Provinzhauptstadt von Ostflandern führen sollte, nach Gent (Brügge ist die Provinzhauptstadt von Westflandern.

Doch zunächst einmal haben wir wieder gemütlich gefrühstückt und auch danach blieb noch etwas Zeit, um sich auszuruhen, denn am Vormittag sollte es noch stark bewölkt bleiben, so dass wir unseren Besuch ab dem frühen Nachmittag geplant hatten.

Um 12 Uhr sind wir dann mit dem Auto losgefahren. Unser Tram-Ticket war ab heute nicht mehr gültig und ein Zugticket nach Gent wäre uns auch nicht günstiger als das Parken in der Stadt gekommen, so dass wir uns für die flexible Variante entschieden hatten.

Ich war etwas skeptisch, was uns in Gent erwarten würde, denn von einigen Leuten hatte ich schon gehört, dass ihnen die Stadt nicht so gefallen hatte. Auf der anderen Seite liegen deren Besuche schon einige Jahre zurück und die Stadt hatte gerade in den letzten Jahren einiges unternommen, um sich attraktiver zu gestalten und dem Bevölkerungsschwund Einhalt zu gebieten.

Nach knapp einer Stunde hatten wir die Stadt erreicht und die Fahrt durch die Vororte war in der Tat nicht sonderlich attraktiv – sollten sie die gehörten Urteile über Gent bestätigen? Wir hat dann direkt einen Parkplatz in der Innenstadt gefunden an der Michaels-Kirche und so konnten wir von hier direkt mit der Erkundung starten.

Direkt an der Parkhausausfahrt lag die Kirche, die aber leider um diese Zeit geschlossen war, so dass wir direkt auf der nächsten Straße über den Fluss Leie marschiert sind in die Innenstadt und dabei bot sich ein bereit atemberaubender Blick, auf das, was den Tag heute vor uns lag. Überall ragten Türme hervor, von Kirchen, Wohngebäuden und dem Genter Belfried.

Unser erstes Ziel lag aber einige hundert Meter die Straße weiter hinunter – die Sint-Baafs-Kathedrale (Sankt-Bavo-Kathedrale).

Die Kirche aus dem Mittelalter ist allein schon wegen ihrer prächtigen Ausstattung sehenswert gewesen, aber der eigentliche Grund, warum wir als erstes hierher wollten, war ein Kunstwerk, welches in einem kleinen Seitenraum steht. Es war der Genter Altar, der uns hier her führte und der weltweite Bekanntheit erlangte.

Es handelt sich um ein Werk von Jan van Eyck, einen flämischen Maler des 15. Jahrhundert und dessen Bruder Hubert van Eyck, dessen Anteil an dem Flügelaltar jedoch bis heute umstritten ist.

Wir hatten aber erst einen kurzen Rundgang durch die Kirche gemacht, bevor wir den Eintritt für den Altar bezahlt und uns einen Audioguide mit Erklärungen zu dem Bild geholt hatten.

Zentrales Thema der zwölfteiligen Altarinnenseite ist die Anbetung des Lammes Christi. Der Audioguide half uns, das Werk viel besser zu verstehen, da er jede der zwölf Tafeln einzeln beschrieb. So finden sich neben den großen Figuren von Adam, Eva, Johannes der Täufer, Maria und Jesus (oder dem Gott-Vater, man ist sich hier nicht sicher) auch zahlreiche Details in den Bildern entdecken, wenn man nur weiß, wo man suchen muss. So ist z.B. nicht ganz klar, ob die zentrale Figur in der Mitte Jesus selbst ist, oder der Gott-Vater. Im zentralen unteren Bild lassen sich über 40 Pflanzenarten identifizieren, sowie einige Personen der Zeitgeschichte. Auch die Gebäude im Hintergrund lassen sich z.T. dem alten Jerusalem zuordnen. Insofern hatte sich der Audioguide allemal gelohnt, allerdings brauchte man so auch eine gute halbe Stunde, um alles zu erfahren.

Das der Altar heute in seiner ganzen Pracht von St. Bavo zu sehen ist, ist historisch alles andere als selbstverständlich, denn über die Zeit wurden immer wieder Teile von ihm verkauft oder entfernt. Dies begann 1781 mit den Bildnissen von Adam und Eva, die abgenommen wurden. Nachdem Napoleon Flandern erobert hatte wurden dann auch die Mittelteile entfernt und im Gebäude des heutigen Louvre in Paris ausgestellt. Erst nach der Niederlage Napoleons in Waterloo kehrten die Tafeln zurück nach Gent. In der Zwischenzeit waren allerdings die Seitentafeln bereits an einen Händler verkauft und gelangten über England 1821 an den preußischen König. Derweil zerbrach die große Mitteltafel in Gent bei einem Brand in zwei Teile.

Die Niederlage im ersten Weltkrieg verpflichtete Deutschland dann aber zur Rückgabe der Seitentafeln, auch wenn diese niemals Kriegsbeute waren, sondern legal erworben. Doch im zweiten Weltkrieg gelangte der Altar abermals in deutsche Hände, diesmal allerdings als Ganzes und wurde nach Bayern gebracht. Erst nach dem Krieg wurde er wieder nach Belgien gebracht.

Damit hatten wir dann aber auch genug Zeit in der Kathedrale verbracht und haben uns auf den Weg zu unserem restlichen Stadtrundgang gemacht, denn die Innenstadt Gents war als Ganzes doch sehr sehenswert.

Zunächst aber kamen wir nicht weit, denn der Sonnenschutz vom Kinderwagen hatte sich in einem der Räder verfangen und war schon so verdreht als wir es merkten, dass wir doch einige Zeit und Geduld brauchten, um das Geflecht wieder zu entwirren. Aber letztlich hatten wir es geschafft, so dass es nun endlich weitergehen konnte.

Das nächste Gebäude was von hier aus zwangsweise ins Auge fällt ist der Genter Belfried, welcher wie der Belfried in Brügge ein Symbol der Macht der Stadt war. Dabei war der Beginn der Stadt eher holprig, denn die ersten Siedlungen wurden 2 Mal von den Wikingern überfallen und verwüstet. Erst mit der Errichtung einer Burg kehrte etwas Ruhe ein. Im 10 Jahrhundert folgte dann die erste Kirche und eine erste Stadtmauer. Die Textilproduktion brachte dann in den folgenden Jahrhunderten Wohlstand nach Gent, welche um 1550 zur größten Stadt der Niederlande wurde. Einzig Paris war im nördlichen Europa noch größer zu dieser Zeit. Mit dem Reichtum der Kaufleute kamen jedoch auch die Konflikte mit dem Adel, der in ihnen eine Konkurrenz sah. Allerdings war der Adel auch auf die geschäftigen Männer angewiesen und so mussten sie sich ihre Privilegien teilen. Letztlich war es im 14. Jahrhundert so weit, dass de facto die Kaufleute die Macht unter sich aufgeteilt hatten. Hier liegt auch der Grund für das stetige Streben Gents nach Unabhängigkeit, so wie es die Italienischen Stadtrepubliken geschafft hatten.

Doch letztlich gelang es nie, den Adel wirklich wegzudrängen und mit als dann auch die Textilproduktion zusammenfiel, ging es mit der Stadt bergab. Erst im sich neigenden 18. Jahrhundert brachten neue Industriezweige wieder einen Aufschwung und Gent wuchs wieder zur größten Stadt im damaligen Belgien (Österreichische Niederlande) heran.

Bis heute hat Gent so einen wichtigen Status in Belgien und dank der Verschonung in beiden Weltkriegen gibt es auch noch viel historische Substanz zu sehen, der wir uns nun näherten.

Nach dem Belfried aus dem 14. Jahrhundert ging es weiter zum Stadthaus, welcher aber leider nur im Rahmen einer Führung zugänglich gewesen wäre.

Zugleich befanden wir uns nun aber auch auf der Rückseite des Belfrieds, von wo ein kleiner Anbau sichtbar wurde, der Mammelokker. Mammelokker bedeutet soviel wir Brustsauger und der Legende nach soll es hier einen Häftling gegeben haben, der zum Verhungern verurteilt wurde. Einzig seine Tochter dufte ihn besuchen, allerdings ohne Nahrung mitzubringen. Die Tochter war eine Amme und ihr gelang es, ihren Vater an ihrer Brust durchzufüttern. Lange Zeit blieb sie unentdeckt, bis der Schwindel auffiel und sie vor den Richter gestellt wurde. Sie entgegnete den Oberen, dass sie so Handelte, wie Gott es ihr aufgetragen hatte und die Richter stimmten ihrer Argumentation zu und ließen sie straffrei und ihr Vater wurde aus der Haft entlassen.

Von hier sind wir dann weitergezogen durch die Einkaufsstraße er Stadt, welche jetzt nichts wirklich besonderes war, aber für Milly etwas Abwechslung bot. Zur Stärkung gab es dabei ein kleines Eis (wir redeten uns ein, dass dies weniger Kalorien als die Lütticher Waffeln hatte).

Am Ende der Straße kamen wir zu einem der Genter Kanäle und kurz darauf zum Gravensteen, der Burg der Grafen von Flandern. Eine erste Burg zur Zeit der Wikingerherrschaft bestand noch aus Holz, wurde aber schon bald durch einen Steinbau ersetzt, der allerdings nur gut 100 Jahre später schon wieder zerstört wurde. Ein neuer Bau erfolgte zum Ende des 12. Jahrhunderts, doch die Grafen blieben nicht lange Hausherren der Burg, sondern suchten sich schon bald eine andere Bleibe, während in die Burg nur noch für Feste und Empfänge diente. Ab dem 15. Jahrhundert war dann das Gericht und der Stadtrat hier untergebracht, bis die Burg an ein Textilunternehmen verkauft wurde. Ende des 19. Jahrhunderts schienen dann die Tage der Festung gezählt zu sein, denn man plante ihren Abriss, was die Stadt aber verhinderte und die Anlage zurück erwarb. Heute ist sie restauriert und ist ein recht skurriles Gebäude mitten in der Stadt. Für einen Besuch hatte allerdings einerseits die Zeit nicht mehr gereicht und zum Anderen war das Gelände nicht gerade kinderwagentauglich.

Von daher sind wir zum Graslei und Korenlei weitergegangen, wo sich die Gildenhäuser der Stadt befinden, sozusagen die gute Stube von Gent. Mit dem Wasser im Vordergrund und einem breiten Uferweg scheint dies auch der zentrale Treffpunkt der Stadt zu sein und wer will es den Leuten verübeln bei diesem Anblick.

Nach einer kurzen Fotorunde sind wir dann zum Vrijdagsmarkt weitergelaufen, wo wir uns ein wenig im Schatten hingesetzt hatten, denn es war höchste Zeit für Milo mal wieder was in den Magen zu bekommen. Ich hatte die Pause noch für ein paar Fotos genutzt und mich dann auch noch etwas ausgeruht, bevor wir den Tag in einem Spareribs-Restaurant nahe dem Stadthaus ausklingen haben lassen. Die Spareribs waren recht gut, wenn auch nicht die besten die ich bisher hatte, aber es war All you can Eat für knapp 18 Euro, wobei Milly schon nach der ersten Portion satt war. Sehenswerter als das Essen war allerdings das Interieur des im Jugendstil gehaltenen Restaurants.

Damit endete dann auch unser wirklich schöner Tag in Gent, welches uns wirklich überrascht hatte und wir haben uns wieder auf die einstündige Fahrt zurück nach Blankenberge gemacht.

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