Mit der MS Lofoten auf die Hurtigrute – Teil 5: Über den Polarkreis bis nach Bodø

Die Nacht auf der Lofoten verlief ruhig und so konnte ich ganz gut schlafen, bis der Wecker mich Viertel vor Sieben weckte. In der vorherrschenden Dunkelheit aufzustehen war kein Selbstzweck, sondern der Wille, die Überquerung des Polarkreises mitzuerleben, welche zwischen 7 und 8 Uhr sein sollte. Noch während ich mich am Frischmachen war, kam dann auch schon die Durchsage, dass wir wohl in 10 Minuten am Polarkreis ankommen werden. Am Vortag sollten wir alle eine Prognose abgeben, wann genau die Überquerung sein wird, aber da es in 10 Minuten ja nun schon soweit sein sollte, lag ich mit meinem Tipp fast eine halbe Stunde daneben.
Um genau 7:04 Uhr waren wir da. Ein kleiner beleuchteter Globus auf der linken Seite markierte den Beginn des Polarkreises. Allerdings war es noch stockfinstere Nacht draußen, so dass Fotos quasi ein Ding der Unmöglichkeit waren – es blieb also bei einem Schnappschuss bei ISO 25600, ein Bild was nur aus Rauschen und einem hellen Fleck besteht.

Danach ging es ab zum Frühstück, wo der Rest unserer kleinen Reisegruppe auch schon fast vollzählig versammelt war. Und auch nach dem Frühstück ging es Schlag auf Schlag weiter. Zunächst stand das Treffen mit der südgehenden MS Polarlys auf dem Programm. Aber auch hier war es noch so dunkel, dass man von wirklichem Fotografieren noch nicht sprechen konnte. Das dachten sich auch die meisten der Passagiere auf beiden Schiffen und so war kaum jemand an Deck zu sehen, während sich die beiden Schiffe mit lautem Hupen passierten.

Bis es wirklich heller wurde blieb noch etwas Zeit, die ich im Salon verbrachte, während wir die die Einfahrt nach Ørnes erreichten, unserem nächsten Hafen. Hier war es endlich hell genug zum Fotografieren und das war höchste Zeit, denn mein Reiseführer sprach von einer der schönsten Hafeneinfahrten entlang der ganzen Route. In der Tat war das Naturpanorama, welches sich beim Rausgehen an Deck den Augen bot grandios. Schneebedeckte Gipfel, die bis in die Wolken ragen und an ihren Füßen die Lichter von Ørnes. Hier gab es nach allen Seiten etwas zu sehen, sei es den Berg Raudhaugen, direkt hinter dem Ort oder die zahlreichen anderen Bergspitzen die sich zeigten. Glücklicherweise riss auch der Himmel leicht über den Bergen auf und sorgte so für eine schöne Lichtstimmung.

Im Hafen von Ørnes blieben wir nur für 15 Minuten. Viel zu sehen gab es in dem 1500 Seelen Ort wahrscheinlich eh nicht, denn der Star der Gegend ist eindeutig die Natur. Also tuckerten wir weiter gen Norden, vorbei einen kleinen Inseln und beeindruckenden Bergmassiven, während zurückblickend das Bergpanorama von Ørnes noch für eine Weile erhalten blieb.

Bereits um 10:15 Uhr stand der nächste Programmpunkt an – die Polartaufe, die jeder Fahrgast, der das erste Mal den Polarkreis überquert über sich ergehen lassen muss (natürlich völlig freiwillig). Bei dieser bekommt man zunächst eine Kelle mit Eiswasser und Eiswürfeln in den Nacken geschüttet und als Belohnung anschließend einen Moltebeerenschnaps. Durchgeführt wurde das ganze durch unseren Reiseleiter Asgeir, begleitet durch den Kapitän und natürlich König Neptun höchstpersönlich (aufgrund der schlechten Auftragslage, arbeitet Neptun aber mittlerweile im Zweitjob für Hurtigruten…).
Fast jeder hat den Spaß mitgemacht, denn irgendwie gehört es zu der Fahrt mit dazu und als Belohnung gab es dann am Abend auch noch ein Zertifikat, dass man den Polarkreis erfolgreich überquert hat. Was man natürlich vorher nicht gesagt bekommt, ist, dass die Zertifikate auch ohne Teilnahme an der Taufe verteilt werden.

Als Letzter kam ein Schiffsmitarbeiter zur Taufe dran, der gerade auf seiner ersten Fahrt war. Auch er bekam zunächst die obligatorische Kelle Eiswasser. Der folgte aber direkt im Anschluss die gesamte Schüssel mit dem restlichen Eiswasser.
Auch ich hatte mir meine Kelle abgeholt und das kalte Wasser lief an alle Körperstellen nach unten, auch dorthin, wo man definitiv kein Eiswasser braucht. Die Eiswürfel dagegen stauten sich an meinem Fotogürtel, so dass ich erstmal kurz rein bin, um mich derer zu entledigen.
Danach blieb ich noch etwas länger draußen und beobachtete, wie wir an einer längeren Bergkette vorbeigefahren sind. Irgendwann gab es aber nichts mehr zu sehen und so bin ich kurz rein, um mich bis zum Mittagessen um 11:30 Uhr noch kurz auszuruhen. Kurz war dabei wörtlich zu nehmen, denn die Zeit bis zum Essen war ruck zuck vorüber.

Ich hatte direkt um 11:30 Uhr gegessen, da wir gegen 12:30 Uhr in Bodø ankommen sollten, wo ich die Zeit nutzen wollte, um mal wieder festen Boden unter die Füsse zu bekommen. Wir lagen gut im Fahrplan und kamen sogar ein paar Minuten vorher an. In einer Durchsage informierte uns Asgeir, dass man auch noch kurzfristig auf einen Ausflug nach Saltstraumen mitfahren könne, dem stärksten Gezeitenstrom der Welt.
Eigentlich wollte ich ja eine Runde durch Bodø drehen, dachte mir dann aber, dass ich noch genug Städte sehen kann, aber ein Gezeitenstrom doch was Besonderes ist. Also habe ich kurzerhand den Plan geändert und bin mit auf den Ausflug gegangen. Mit dabei war auch Christian von unserer Tischgruppe.

SALTSTRAUMEN – DER GRÖßTE GEZEITEN-STROM DER WELT
Knapp eine Stunde dauerte die Fahrt vom Hafen bis zum Saltstraumen, wobei wir unterwegs auch noch eine kurze Busrundfahrt durch Bodø gemacht hatten. Der Ort ist ganz nett, aber sicherlich nicht zu vergleichen mit Ålesund, Trondheim oder gar Bergen.
Unser Ziel, der Saltstraumen, ist eine 3km lange und nur 150m breite Engstelle, die den Saltfjord mit dem Skjerstadfjord verbindet. Beide Fjorde sind tief und den Gezeiten ausgesetzt, doch wenn das Wasser kommt und geht, muss es hier diese Engstelle passieren, die nicht nur schmal, sondern auch wesentlich flacher als die Fjorde ist. Um die Wassermassen durch diesen Engpass zu bekommen, nimmt das Wasser deutlich an Geschwindigkeit zu und in Folge dessen bilden sich zahlreiche Verwirbelungen und Strudel. Auf dem Weg durch den Saltstraumen kann das Wasser Fließgeschwindigkeiten bis zu 50km/h erreichen, was notwendig ist, um den Wasseraustausch von 2x täglich 400 Millionen Kubikmeter zu bewältigen. Trotz dieser Geschwindigkeit ist der Ebbe/Flut-Wechsel hinter dem Saltstraumen deutlich langsamer als auf dem offenen Meer, da auch bei dieser Geschwindigkeit der Wasserdurchsatz am Saltstraumen immer noch geringer ist, als auf dem offenen Meer.

Über den Saltstraumen führt eine große Brücke, von der wir zunächst die Aussicht aus dem Bus genießen konnten, was von oben ehrlich gesagt gar nicht so beeindruckend war. Dann sind wir aber unter die Brücke gefahren und konnten dann bis ans Wasser heranlaufen und hier sah man dann deutlich, wie schnell das Wasser hier fließt und welche Wirbel es bildet. Im Sommer gibt es diesen Ausflug auch mit dem Schnellboot und dann kann man als Teilnehmer die Strudel aus direkter Nähe mitbekommen, doch im Winter ist es wohl besser, an Land zu bleiben.

Der Saltstraumen war übrigens nicht immer hier. Früher war das Meer fast 80m höher als heute und die Berge, die heute die Gegend zieren, waren Inseln gewesen. Selbst zur Wikingerzeit war das Meer noch drei Meter höher als heute. Dies liegt daran, dass die Landschaft hier während der letzten Eiszeit unter den Eismassen massiv gepresst wurde und sich seit dem Rückgang des Eises wieder langsam gehoben hat und sich auch heute noch weiter hebt.
Die Gegend hier zählt auch zu den ältesten Siedlungsgebieten in Norwegen. Bereits vor etwa 10.000 Jahren ließen sich die ersten Menschen nieder, jedenfalls hat man Reste aus dieser Zeit gefunden. Einen guten Grund für die Ansiedlung gab es auch, denn die Gegend hier ist extrem fischreich. Neben Krabben sind es vor allem Seelachs und Heilbutt die hier gefangen werden können. Es war folglich auch genau hier, wo der bislang größte Seelachs mit einem Gewicht von über 22kg gefangen wurde. Wer jetzt denkt, er hat schon von Lachsen gehört, die mehr gewogen haben, der hat recht. Der Unterschied liegt darin, dass Lachs nicht gleich Seelachs ist. Der Seelachs ist streng genommen nämlich gar kein Lachs, sondern ein Fisch aus der Dorschfamilie. Der korrekte Name für den Seelachs ist dann auch Köhler bzw. Kohlfisch. Ihn Seelachs zu nennen, ist eher eine Marketing-Geschichte.

Damit ging es dann auch schon wieder zurück zum Bus und von dort zum Schiff, wo gerade noch genügend Zeit blieb, eine kurze Dusche zu nehmen, bevor wir wieder losgeschaukelt sind. Ich habe direkt nach der Dusche begonnen, das Reisetagebuch zu schreiben, denn ich wollte bis 16 Uhr fertig sein. Um diese Zeit sollte es auf die nächste offene Seestrecke hinüber zu den Lofoten gehen, auf der auch wieder mehr Seegang erwartet war.
Mit dem Schreiben war ich gerade pünktlich fertig geworden, als es aufs offene Meer hinaus ging und das Schaukeln wieder stärker wurde. Und während andere sich gern in den Wellen wogen, wollte ich kein Risiko eingehen und zog mich auf die Kabine zurück, legte mich hin und stellte mir den Wecker für in 3 Stunden. Müde genug war ich zumindest, denn noch immer fehlte mir etwas Schlaf.
Obwohl Reiseleiter Asgeir meinte, es würde nicht so stark schwanken wie gestern, konnte ich ehrlich gesagt keinen Unterschied feststellen. Für mich schaukelte es ganz ordentlich, doch solang ich im Bett lag, ging es mir gut und ich war ganz stolz, noch keine Reisetablette benötigt zu haben.
Aufgrund des Seegangs wurde auch heute das Abendessen wieder um eine Stunde verschoben und so bin ich gegen 19 Uhr aufgestanden und hoffte, dass die Schaukelei nun vorüber war. Wir waren zudem in Stamsund eingelaufen, wo wir eine halbe Stunde bleiben sollten – genug Zeit also für eine schaukelfreie Vorspeise.
Da aber alle heute wieder in einer Sitzung essen mussten, war es so voll, dass wir noch nichtmal mit dem Essen begonnen hatten, bevor wir in Stamsund abgelegt hatten und die Schaukelei zu meinem Übel weiterging. Es hatte was von Musikantenstadl, wie wir so im Rhythmus der Wellen von links nach rechts geschunkelt sind. Und gottseidank kam der Silbereisen nicht noch um die Ecke, ansonsten hätte ich wohl meine Seekrankheit nicht mehr am Tisch verleben können, sondern am stillen Örtchen. Aber auch so ging es mir von Minute zu Minute schummriger und es fiel mir schwer, den Königkrabbencocktail und die Zwiebelsuppe zu genießen. Hilfreich war es dabei auch nicht, dem Koch zuzusehen, wie er bei dem schwankenden Schiff versuchte, die Suppe vom Topf heil auf die Teller zu befördern, ebenso wie es nicht geholfen hatte, den Kellnerinnen zuzuschauen, wie sie teilweise in bedenklicher Schräglage mit drei Tellern die Suppe zu uns manövrierten.
Nach den Vorspeisen gab es dann Dorsch – ebenfalls sehr lecker und ebenfalls von mir nicht ausreichend gewürdigt. Vor der Nachspeise brauchte ich dann erstmal etwas Sauerstoff draußen und habe mir schnell noch eine Tablette geholt, so dass es mir hoffentlich in einigen Minuten wieder besser gehen würde.
Nach dem Essen kamen wir dann auch schon bald in Svolvær an, der Hauptstadt der Lofoten. Leider war es schon so dunkel draußen, dass wir die einzigartige Landschaft nicht genießen konnten. Wir (d.h. ich und meine Tischgemeinschaft) wollten stattdessen kurz von Bord und in die Ausstellung Magic Ice gehen, doch wie es so sein sollte, hatten wir ausgerechnet hier eine viertel Stunde Verspätung, so dass wir es mit einem kurzen Vertreten der Beine belassen haben.

Der Tag war aber noch nicht zu Ende, denn gegen 22:30 Uhr sind wir kurz in den engen Trollfjord gefahren. Auch hier war es erwartungsgemäß stockfinster, aber die Mitarbeiter vom Schiff haben mit den Suchleuchten versucht, den Fjord anzustrahlen und uns so einen Eindruck von dessen Größe zu geben. Aus meiner Sicht ist dies allerdings nur teilweise gelungen, da man ja immer nur einen kleinen kreisrunden Ausschnitt gesehen hat. Zur gleichen Zeit hatten wir auch für wenige Minuten nochmal ein schwaches Nordlicht, was aber wegen des starken Windes und den Vibrationen des Motors nicht wirklich fotografierbar war.

Parallel dazu gab es zum Aufwärmen einen Trolltrunk (Tee mit Rum) in der Hurtigruten Trolltasse für knappe 12 EUR das Stück. Nicht billig, aber ein kleines Souvenir (welches bereits auf dem Heimweg kaputt gehen sollte). Der Name Trollfjord kommt von den Trollen, der in der nordischen Mythologie eine große Rolle spielen. In den Sagen des Nordens leben die Menschen in Midgard (der Mittelwelt), die Götter in Asgard und Riesen und Trolle in Utgard. Ursprünglich sollen die Trolle auch in Midgard gewohnt haben, wurden später allerdings nach Utgard verband. Mit ihnen verband man in der Regel nichts wirklich Positives. Doch auch während sie noch in Midgard weilten, waren sie selten zu sehen, denn nur in der Nacht konnten sie sich außerhalb ihrer Höhlen bewegen. Waren sie dagegen bei Tagesanbruch nicht zurück, erstarrten sie zu Stein. Dies muss recht häufig gewesen sein, denn viele der Felsen an der Küste Norwegens werden mit den Trollen in Verbindung gebracht.
Damit war der Tag dann aber auch gelaufen und ich bin zurück auf die Kabine gestiefelt und habe mich schlafen gelegt, nur um eine Stunde später wieder geweckt zu werden, da es angeblich Nordlicht zu sehen gäbe. Als ich aber hoch an Deck gekommen war, gab es nichts mehr zu sehen, von daher bin ich unverrichteter Dinge wieder hinunter gegangen und habe damit endlich den Schlaf für heute gefunden.

Weiter zu Teil 6
Zurück zu Teil 4