Mit der MS Lofoten auf die Hurtigrute – Teil 1: Auf nach Bergen

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Die letzte Nacht war kurz und unspektakulär. Das IBIS Budget Hotel gegenüber vom Luxemburger Flughafen machte seinem Namen alle Ehre. Aber mit 65 EUR pro Nacht war es halt auch günstiger als die Konkurrenz in der Nähe – Luxemburg ist nunmal nicht billig.

Insofern habe ich mehr schlecht als recht die letzten Stunden vor dem Urlaub verbracht, bis kurz vor 5 der Wecker klingelte. Ich weiss nicht, ob es daran lag, dass mich Nichts wirklich in diesem Hotel hielt, aber ich kam für meine Verhältnisse ganz gut aus dem Bett und 20min später war ich dann auch schon auf dem Weg zum Flughafen. Mit mir dabei mein bis zum Limit gepackter Koffer und mein bleischweres Handgepäck mit der Elektronik und Fotoausrüstung.
Am Flughafen ging wie immer alles flott – ein Grund, warum ich lieber vom kleinen Luxemburg, als von einem großen Flughafen losfliege. Allerdings hatte man sich heute mein Handgepäck mal wieder sehr genau beschaut. Ich musste am Ende fast alles auspacken, bis die Herrschaften von der Sicherheitskontrolle endlich zufrieden waren – aber ich hatte ja Zeit mitgebracht…
Pünktlich ging es dann aus Luxemburg los für den kurzen 30 Minuten-Hüpfer nach Frankfurt. Die Fahrt von der Außenposition, wo wir in Frankfurt geparkt hatten, bis zum Terminal dauerte gefühlt genauso lang wie der ganze Flug zuvor. An die Busfahrt schloss sich dann ein längerer Fußmarsch an, bis ich schließlich bei meinem Anschlussgate nach Kopenhagen angekommen war. Hier blieb noch Zeit für ein kleines Baguette zum Frühstück.
Eigentlich war die Anreise ja ganz anders geplant. Ich hatte einen Flug mit SAS von Luxemburg nach Kopenhagen und von dort nach Bergen gebucht und zwar erst für heute Abend. Aber die SAS hat Ende Oktober alle Flüge ab Luxemburg gestrichen und so wurde ich umgebucht und muss nun den Umweg über Frankfurt nehmen. Einziger Vorteil ist, dass ich so auch früher in Bergen bin.
Der Flieger von Frankfurt nach Kopenhagen war ebenfalls pünktlich, nur was zu sehen gab es von meinem Fensterplatz nicht, denn nicht eine einzige Lücke war in der dichten Wolkendecke auszumachen. In Kopenhagen kam dann zusätzlich noch starker Nebel hinzu.

Hier hatte ich knappe 60 Minuten zum Umsteigen, was aber kein Problem war, denn mein Anschlussgate befand sich keine 20m von meinem Ankunftsgate entfernt. Und so war dann auch der letzte Flug des Tages planmäßig und die Ankunft in Bergen bei strömendem Regen kurz nach 13 Uhr vollbracht. Erst kurz vor der Landung konnte ich einen kleinen Blick auf die Landschaft werfen, denn zuvor hatten die Wolken wieder keine Aussicht zugelassen. Bei schönem Wetter ist sicher auch dies schon eine tolle Einstimmung auf Norwegen, aber so hielt sich die Begeisterung noch in Grenzen.

Einmal angekommen habe ich mir schnell ein paar norwegische Kronen für die nächsten Tage gezogen, bevor ich mich daran gemacht habe, mein Gepäck abzuholen. Tatsächlich kam es auch gleich und ich war fürs Erste beruhigt, denn die Anreise hatte geklappt. Diese Nervosität bis das Gepäck mal da ist werde ich wohl nie ablegen. Aber wieder Mal ist alles gut gegangen.
Vor dem Flughafen habe ich dann gleich die Shuttlebusse von Flybussen gesehen, die nach Bergen fahren. Tickets hierfür hatte ich vorab schon im Internet besorgt und konnte so direkt den nächsten Bus nehmen, der bereits 10 Minuten später auf dem Weg in die Stadt war. Die Fahrt dauerte eine knappe halbe Stunde und unterwegs sah ich schon, wie die Menschen hier ihr Leben in einer Gebirgslandschaft mit felsigem Untergrund aufgebaut haben – zwischen den vielen kleinen Holzhäusern tauchen immer wieder große schwarze Felsblöcke auf.

Die Endhaltestelle des Busses war das Radisson Hotel in Bryggen, dem alten Hanseviertel Bergens. Nur knapp 200m davon entfernt befand sich mein Hotel für die kommende Nacht. Ich hatte bei der Buchung schon drauf geachtet, dass es a) in Bryggen und b) nahe der Busstation ist. Das Thon-Hotel, wo ich die Nacht bleiben werde, ist ein einfaches Hotel, aber gut gelegen und mit 64 EUR pro Übernachtung (inkl. Frühstück) unschlagbar günstig in dieser Lage und mit dem IBIS Budget der letzten Nacht kann es sich allemal messen.

Da es draußen noch immer stark regnete, hatte ich dann erstmal beschlossen eine Pause einzulegen und am Reisebericht zu schreiben, denn später sollte der Regen weniger werden. Ich war auf jeden Fall froh heil und ohne Verluste angekommen zu sein, auch wenn ich mir natürlich besseres Wetter gewünscht hätte. Ganz so einfach ist dieser Wunsch aber auch nicht gewesen, denn Bergen ist die regenreichste Stadt in ganz Europa und man hat hier schon Perioden von mehr als 80 Tagen gezählt an denen es aufeinanderfolgend geregnet hat. Mein Reiseführer meint, man kennt 27 Arten von Regen in Bergen. Nun weiss ich nicht, welche ich heute erwischt habe, aber insofern kann ich sagen, ich wurde nicht mit schlechtem, sondern mit regionaltypischem Wetter begrüßt. Klingt doch gleich viel besser, oder?

Nachdem der Reisebericht ergänzt und ich ausgeruht war, stellte sich die Frage „Was nun?“. Ein Blick in den Wetterbericht verhieß für die nächsten 2 Stunden noch keine wirkliche Besserung in Sachen Regen, von daher war an einen gemütlichen Rundgang nicht wirklich zu denken. Auf der anderen Seite hatte ich bislang heute nur mein Baguette vom Frankfurter Flughafen in den Magen bekommen und es stellte sich langsam aber sicher ein gewisses Hungergefühl ein. Und da Regen draußen nicht stört, wenn man drinnen beim Essen sitzt, habe ich mich schlau gemacht, in welchen Restaurants man dem Touristennepp entgehen kann. Über Tripadvisor bin ich dabei auf das Bastant gestoßen, welches unweit von meinem Hotel, nur ein paar Straßen höher gelegen ist. Also habe ich mich regenfest eingepackt für das Wetter draußen und los ging es. Die Kameras blieben fast alle liegen, denn bei dem Wetter wäre das eh nichts geworden. Aber wenn ich fast sage, heißt das auch, dass zumindest eine mit dabei war. Meine Olympus E-M5II mit der Panasonic 20mm f1.7 Festbrennweite passte noch gut in meine Jackentasche und so durfte sie mit, für den Fall, dass ich was zum Fotografieren sehen sollte (ich war mir SICHER, ich würde was sehen…).

Mit Schirm, Charme aber ohne Melone ging es dann die paar Straßen hinauf und trotz des Wetters konnte ich nicht übersehen, wie schön dieses Viertel ist. Zunächst fiel unweigerlich die Marienkirche auf, die direkt hinter dem Hotel lag. Per se jetzt keine Kirche, über die ein Roman zu schreiben wäre, aber insofern interessant, als sie mit uns Deutschen auf besondere Weise verbunden ist. Zu der Zeit, als Bergen noch Kontor der Hanse war, lebten viele Deutsche in der Stadt und diese wohlhabenden Handelsleute brauchten für sich und ihre Gehilfen eine Kirche – welche sie hier am Rande des Viertels erbauten. Deutsche gibt es heute fast nur noch als Touristen hier, aber die Marienkirche hat die Hanse überlebt und mit ihrer vorwiegend aus Deutschland stammenden Einrichtung gilt sie heute als eine der prächtigsten Kirchen in Bergen. Davon überzeugen konnte ich mich allerdings nicht, denn im Winter ist sie meist verschlossen. Lediglich eine Infotafel gab eine Hinweis, wie es wohl drinnen aussieht. Von daher ging es direkt weiter. Verwinkelte Gassen bilden in diesem Teil der Stadt ein Labyrinth in dem sich Holzhäuser wie eine Treppe an den Berg reihen. Hinter jeder Ecke glaubt man, könnte ein Märchenfilm gedreht werden und unzählige kleine Details lassen das Auge nicht ruhen.
Das Restaurant habe ich dann auch schnell gefunden. Es ist sehr klein, aber gemütlich mit seinen Holztischen und der Bar. Da keiner außer mir da war, hatte ich erstmal höflich gefragt ob überhaupt offen sei, was aber bejaht wurde und so nahm ich Platz. Und nachdem ich so Platz genommen hatte, wartete ich gespannt, dass gleich mal jemand um die Ecke platzen würde mit einer Speisekarte. Es passierte allerdings nicht wirklich viel. Immer mal sah ich den Besitzer hinter der Theke, der mich zur Kenntnis nahm, aber mehr auch nicht. Irgendwann war es mir dann doch etwas zu blöd geworden und ich bin zu ihm hin und meinte, dass ich gern was essen würde. „Klar“ meinte er daraufhin, ich müsste nur hier am Tresen bestellen. Das hätte er jetzt aber auch vorher verraten können… Jedenfalls wurde mir dann eine Champignon-Speck-Quiche empfohlen, die ich zusammen mit einer Limo bestellt hatte.

Das Essen war wirklich lecker, auch wenn ich am Ende nicht ganz satt war, obwohl das bisschen schon 20 EUR gekostet hatte. Aber in Summe hatte die Tripadvisor-Empfehlung ihr Versprechen gehalten.
Danach bin ich noch etwas durch Bryggen spaziert, immer mit einem offenen Auge für einen Supermarkt, da ich vergessen hatte, Zahnpasta mitzunehmen.
Die Wasserfronthäuser von Bryggen und der sich dahinter erstreckende Komplex sind wirklich toll. Es ist wie eine Zeitreise, auch wenn die meisten der Gebäude nur originalgetreu nach Bränden wieder aufgebaut wurden. Allerdings war es jetzt um diese Zeit und bei diesem Wetter auch schon alles menschenleer. Das wahre Leben spielt sich hier wohl eher im Sommer ab.

Der Name Bryggen kommt übrigens von Kai und bezieht sich auf die Anlegestellen, die hier am Wasserarm, der sich Vagen nennt, liegen. Der Vagen ist die wirtschaftliche Keimzelle der Stadt Bergen, denn er bildet einen sehr guten natürlichen Hafen. Dieser Umstand führte dazu, dass sich früh ein reger Handel rund um die Anlegestellen entwickelte. Fischer aus dem Norden des Landes brachten getrockneten Fisch, der insbesondere zur Fastenzeit gefragt war. Im Gegenzug brachten Händler aus dem Süden und Westen Getreide und andere Dinge, die in Norwegen Mangelware waren.

Ein wichtiges Datum in der Geschichte des Handels in Bergen ist das Jahr 1250. In jenem Jahr schloss der herrschende König Håkon IV einen Vertrag mit der deutschen Hanse, womit es der Hanse möglich wurde, Handel in Bergen zu betreiben. Von dieser Zeit an begannen deutsche Händler in das nordische Land zu strömen und zeitweise stellten sie ganze 25% der Bevölkerung der Stadt. Der Hanse gehörten in dieser Zeit bis zu 350 Handelshäuser. Mehr als 400 Jahre hielt die deutsche Handelsvormachtstellung und erst seit 1766 gibt es kein deutsches Handelshaus mehr in Bergen. Aufgrund des starken deutschen Einflusses, hieß Bryggen früher auch Tyskebrygge (Deutscher Kai). So würde man es wahrscheinlich auch heute noch nennen, wäre da nicht die deutsche Invasion im 2. Weltkrieg gewesen…

Nach dem kurzen Rundgang durch die Gassen von Bryggen rückte mein Ziel, einen Supermarkt zu finden wieder in den Vordergrund. Aber das war gar nicht so einfach, denn keine der deutschen Ketten war hier im Zentrum vertreten. Nachdem ich einige Zeit wahllos und ohne nennenswerten Erfolg umhergelaufen bin, habe ich schließlich mal Jemanden gefragt und bin dank dessen Beschreibung zu einem Supermarkt auf der gegenüberliegenden Seite von Bryggen, auf der anderen Seiten des Vagen gekommen.
Nachdem auch das erledigt war (und ich neben der Zahnpasta noch einige Lakritzsüßigkeiten in der Tasche hatte), bin ich erstmal wieder zurück ins Hotel mit dem Vorsatz, ggf. später, wenn es nicht mehr regnet, nochmals raus zu gehen.

Letztlich war es dann 19:30 Uhr gewesen, als ich mich nochmals aufgerafft hatte, eine Fototour zu wagen. Ich musste schon etwas mit mir ringen, denn der Regen von vorhin saß mir irgendwie in den Knochen, aber letztlich hat die Lust auf noch ein paar Nachtaufnahmen überwogen.
Zunächst bin ich in die direkt beim Hotel liegende alte Festung von Bergen gegangen. Hier war einst der Königshof der Stadt, denn die Könige Norwegens von 1163 bis 1299 hatten Bergen als Sitz für ihren Königshof und damit als Hauptstadt gewählt. 1299 zog der Hof dann weiter nach Oslo und Bergen blieb nur der Status als Residenzstadt, den es aber auch Mitte des 14. Jahrhunderts verloren hatte, nachdem die Pest fast 2/3 der Bevölkerung Norwegens das Leben gekostet hatte und Bergens Bedeutung als Königstadt und Bischofssitz sich stark verringerte. Aus der Zeit in der Bergen aber noch in seiner Blüte war, stammen hier in der Festung noch zwei Gebäude: die Håkonshalle, benannt nach König Håkon IV und der Rosenkrantzturm.

Direkt vor der Festung befand sich eine Art Schiffmodell, welches wohl die Arche Noah darstellen soll. Leider bin ich des Norwegischen nicht mächtig, sonst hätte ich die Infotafel lesen können, auf der etwas stand, was es mit dem Bau auf sich hat. Für ein Foto war das gewaltige Holzschiff aber allemal gut genug.

Kurz darauf war ich dann auch wieder bei den schönen Holzhäusern an der Wasserfront von Bryggen und habe dort noch versucht ein paar gelungene Aufnahmen zu bekommen, auch wenn die Blaue Stunde schon lang vorüber und der Himmel nur noch ein einziges schwarzes Gebilde war. Eigentlich ist es schon zu spät für solche Aufnahmen gewesen, aber zur Blauen Stunde hatte der Regen sie nicht zugelassen und so musste ich nehmen was möglich war. Einige schöne Aufnahmen boten sich dennoch, denn es ist quasi unmöglich hier kein Fotomotiv zu finden. Besonders schön waren die Spiegelungen der Häuser und Lichter im Wasser in Verbindung mit einer langen Belichtung.

Ich bin dann noch bis zum Ende des Vagen gelaufen, wo das Hanse-Museum ist. Im Hintergrund leuchtete eine Kirche am Berg (ich sollte morgen lernen, dass es keine Kirche war) und Lichter markierten den Verlauf der Fløibanen, einer Bergbahn, die zum Aussichtspunkt über der Stadt fährt. Mal schauen, wenn ich Zeit habe, werde ich das Morgen in Angriff nehmen.

Im Gegensatz zum Nachmittag war jetzt am Abend auch wieder Leben in die Stadt eingekehrt. Die zahlreichen Restaurants und Bars rund um den Vagen waren gut gefüllt und an vielen Orten spielte Livemusik. So lebendig hätte ich mir die Stadt unter der Woche am Abend gar nicht vorgestellt.
Irgendwann war es schon Viertel vor 10 und damit langsam Zeit, den Tag zu beenden, schließlich konnte ich nicht meine ganze Energie schon am ersten Abend verbrauchen. Also habe ich mein Stativ eingepackt und bin wieder zurück zum Hotel gelaufen, was letztlich nicht weit war, denn eine große Strecke hatte ich in der ganzen Zeit nicht wirklich zurückgelegt.

Damit endet dann auch der erste Tag des Urlaubs. Morgen heißt es dann, gegen 14 Uhr die MS Lofoten beim Einlaufen zu begrüßen.

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Autor:Jens Koopmann