Mit der MS Lofoten auf die Hurtigrute – Teil 7: Ausflug zum Nordkap

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TAG 6: AUF DEM WEGNACH HONNINGSVÅG

Tag 6 auf der MS Lofoten begann damit, dass ich erstmal länger im Bett geblieben bin, denn heute war der kürzeste Tag dieser Reise. Erst kurz nach 9 sollte es zu dämmern beginnen und um 2 Uhr bereits wieder dunkel werden. Aber auch dazwischen sollte es nicht wirklich hell sein. Insofern habe ich den Halt in Hammerfest verschlafen, hier kommen wir ja noch auf der Rückfahrt vorbei. Frühstück hatte ich gegessen, während das Schiff in Havøysund  vor Anker lag, so dass ich das Schaukeln wenigstens beim Essen vermeiden konnte. Wir hatten mittlerweile die Finnmark, die nördlichste Region Norwegens erreicht. Es handelt sich um die größte Verwaltungsregion des Landes mit einer Fläche größer als die Niederlande, Dänemark oder die Schweiz. Gleichzeitig ist es aber auch die am dünnsten besiedelte Region mit gerade mal 75.000 Einwohnern. Ich war gerade rechtzeitig fertig geworden mit dem Frühstück, denn als ich mit der Kamera bepackt wieder an Deck erschien, war gerade die Ausfahrt von Havøysund in den Breidsund und magisch blau leuchtende, schneebedeckte Berge ragten zu beiden Seiten des Schiffes hervor.

Parallel dazu zeigte sich in entgegengesetzter Richtung (sprich in Fahrtrichtung) sogar etwas Morgenröte. Die nächsten Minuten gab es auf Deck immer wieder Neues zu entdecken. Mal rechts, mal links, mal nach vorn und mal nach hinten – egal wohin der Blick wanderte, die Landschaft war voller Magie vor allen durch das blaue Licht in Verbindung mit der Wärme der Morgenröte.Aber nur wenige Minuten später verschwand Havøysund am Horizont, doch nicht, weil wir schon so weit weg waren. Ein Schneesturm hatte sich über den Ort gelegt und tauchte den Himmel in ein tiefes Schwarz. Und der Sturm hatte nicht vor, über Havøysund zu verharren, sondern nahm die Verfolgung mit uns auf und verschluckte Stück für Stück jeden Berg hinter uns. Es war wirklich surreal, wie die Landschaft einfach so verschwand. Schließlich wurden wir dann auch erfasst und es war höchste Zeit, sich ins Warme zu verziehen.

Wie ein paar Minuten einen solch riesigen Unterschied in der Landschaft ausmachen können! Und was hatte ich wieder Glück, zur rechten Zeit an Deck gekommen zu sein.

Von hier waren es dann noch knapp 1,5 Stunden bis zu unserem nächsten Hafen Honningsvåg. Honningsvåg ist die Hauptstadt des Verwaltungsgebietes Nordkap seit 1895. Zuvor war es der Ort  Kjelsvik, doch dieser verfügte über keinen Hafen, der die neuen, motorisierten und damit auch größeren Schiffe aufnehmen konnte. Seit 1996 besitzt Honningsvåg Stadtrechte und ist damit nördlichste Stadt Europas sowie Anlaufpunkt für mehr als 100 Kreuzfahrtschiffe im Jahr und 730 Halte (2x täglich) von Hurtigrutenschiffen. Doch die meisten Passagiere die hier von Bord gehen, sind weniger an dem Ort interessiert, sondern an dem bekannten Platz, knappe 30 Minuten von hier: dem Nordkap.

Das Nordkap ist der nördlichste Punkt Europas der per Straße erreichbar ist und quasi Pflichtprogramm, wenn man das erste Mal diese Region Norwegens besucht. So habe auch ich mich auf einen Ausflug dorthin begeben. Zunächst ging es mit dem Bus ein Stück über Land durch die winterliche, schneebedeckte Landschaft. Damit der Bus hier überhaupt fahren konnte, brauchte er Reifen mit Spikes. Sehr vertrauensvoll sah die Straße dennoch teilweise nicht aus.

 

Die Gegend hier ist sehr karg, denn die Baumgrenze liegt ein gutes Stück südlich von Honningsvåg. Insofern besteht die Vegetation nur aus Beeren und Sträuchern, wobei auch davon heute nichts zu sehen war.
Tiere gab es auch nicht zu sehen, aber es soll wo ein paar Hasen und Enten hier geben. Der Polarfuchs dagegen war zwar mal heimisch, wurde aber schon vor einiger Zeit ausgerottet. Nun mag man auf die Idee kommen, dass es aber viele Rentiere geben müsste, aber auch dem ist nicht so – zumindest im Winter. Im Sommer gibt es rund 6000 Rentiere in der Region, die hier von den Samen mit einer Fähre im Frühjahr hergebracht werden. Die Tiere bleiben dann den Sommer und Herbst hier, bevor sie wieder wegziehen müssen, da es durch den Schnee keine Nahrung mehr gibt. Da man sich hier aber auf einer Insel (Magerøya) befindet, können die Tiere nicht einfach so wieder an Land laufen, sondern müssen die rund 2km durch den Fjord schwimmen und sich dann auf eine rund 300km lange Wanderung begeben. Diese Wanderung ist auch der Grund dafür, dass die Tiere im Frühjahr nicht schwimmen können, denn nach 300km sind sie schlichtweg zu schwach, um durch den Fjord zu schwimmen – daher der Transport mit der Fähre.
Wir fuhren immer weiter durch die weiße Welt und dann zog ein Schneesturm auf. Plötzlich war von der Straße nichts mehr zu sehen. Es war einfach nur weiß vor dem Bus und ich wäre keinen Meter mehr gefahren, aber wir sind trotzdem beharrlich, wenn auch mit reduzierter Geschwindigkeit, der Straße gefolgt.

Nach einer Weile kamen wir dann an die Straße, die zum Nordkap führt. Hier mussten wir erstmal Halt machen, denn die Straße ist im Winter gesperrt. Nur 1x am Tag um 12 Uhr fährt ein Schneepflug zum Nordkap hinauf und dann ist es möglich im Konvoi hinterher zu fahren.
Es sah draußen schon recht bedrohlich aus und ohne den Schneepflug wären wir an einigen Stellen wohl im Schnee hängen geblieben, auch wenn es für diese Jahreszeit noch gar nicht so viel Schnee gab, wie sonst.
Die Straße zum Nordkap gibt es erst seit 1956. Doch schon 400 Jahre zuvor haben Menschen das Schieferplateau am Nordende Europas besucht, damals musste man aber mit dem Schiff an die Küste fahren und dann auf den rund 300m hohen Berg klettern.

Der Ort des Nordkaps wurde erstmals 1553 auf Karten verzeichnet, während einer Expeditionsreise. Die beschwerliche Anreise konnten sich in der Folge lange Zeit nur reiche Leute und Staatsoberhäupter leisten und so zählten zu den ersten Besuchern u.a. der König von Thailand, aber auch Kaiser Wilhelm II., der ein bekennender Norwegenfan war.
Schließlich kamen wir am Nordkap an und es war gerade noch ein letzter Rest Licht am Horizont zu sehen, bevor in wenigen Minuten die Dunkelheit wieder einsetzen sollte – zur Erinnerung: es war Mittags um 12 Uhr.
Um das letzte Licht zu nutzen, sind wir alle erstmal zu den Klippen und dann zu dem bekannten Globus gelaufen, wo jeder natürlich ein Beweisfoto brauchte, dass er tatsächlich auch dagewesen war. Mit mir dabei waren von unser lustigen Tischtruppe Uschi und Christian, so dass wir gegenseitig Bilder von uns machen konnten. Das Ganze wurde aber durch einen tosenden Wind in Verbindung mit Schnee unheimlich erschwert und als gemütlich war der Aufenthalt definitiv nicht zu bezeichnen.

 
 

Wer will, kann das Nordkap auch als Ausgangspunkt für eine Wanderung wählen. Der europäische Fernwanderweg E1 beginnt hier. Will man ihn allerdings bis zum Ende laufen, sollte man ordentlich Zeit mitbringen, denn knappe 7.000km sind es, bis man in Italiens Süden ankommt.
Nach den Fotos galt es, schnell das Warme zu suchen und in die Halle zu gehen, in der u.a. ein Film über das Nordkap gezeigt wird. Hier konnten wir beeindruckende Bilder aus allen Jahreszeiten sehen, die das Leben und die Landschaft am nördlichsten Punkt Europas zeigen.
Danach blieb noch etwas Zeit für die kleine Ausstellung im Tunnel und die Cave of Light (beides nicht übermäßig spektakulär, aber wenn man schonmal da ist…). Leider war es für den Skulpturenpark draußen schon zu dunkel, so dass dieser mir für den nächsten Besuch bleibt. Ich bin aber trotzdem nochmal raus kurz bevor wir wieder zurückgefahren sind, denn nun war niemand mehr beim Globus und ich konnte ungestört noch ein paar Fotos machen, auch wenn es gar nicht so einfach war, bei dem Wind nicht alles zu verwackeln.

Zurück am Bus ging es dann auch direkt wieder zum Schiff und auf dem Weg dorthin kam dann der Knaller: wir waren gar nicht am Nordkap! Der nördlichste Punkt Europas ist gar nicht bei dem Globus, sondern rund 4km davon entfernt und nur über einen 18km langen Wanderweg erreichbar – dort ist man noch 1,4km weiter nördlich als am Nordkap. Und wenn man es ganz genau nimmt, kommt es noch dicker. Das Nordkap liegt ja, wie ich bei der Hinfahrt erwähnte, auf einer Insel. Insofern liegt der nördlichste Punkt des europäischen Festlandes etwas südlicher auf der Halbinsel Nordkinn. Aber auch als nördlichster Inselpunkt Europas taugt das Nordkap nicht, denn immerhin gibt es noch Spitzbergen und einige andere Inseln, die zu Europa gehören und noch weiter nördlich sind. Ich habe kurzerhand beschlossen, diese Informationen zu ignorieren und mich weiter der Illusion hinzugeben, am Nordkap gewesen zu sein. Immerhin den Titel “Nördlichster Punkt Europas, der per Straße angebunden ist” kann man dem Nordkap nicht nehmen.

Wieder auf dem Schiff haben wir auch direkt abgelegt und Kurs aufgenommen, die Nordspitze Norwegens zu umrunden. Ich habe die erste Zeit, in der es noch ruhig war, genutzt, um etwas Tagebuch zu schreiben. Irgendwann fing es jedoch so sehr an zu schaukeln, dass ich mich lieber auf die Kabine verzogen, eine Reisegold genommen und ins Bett geworfen hatte. Dies war auch gut so, denn die folgenden Stunden wurden wir ordentlich durchgeschaukelt und zwar so sehr, dass abermals das Abendessen verschoben werden musste, da bei dem Seegang an eine geordnete Nahrungsaufnahme nicht zu denken war.

Ich habe also die Stunden bis 17 Uhr in horizontaler Lage verbracht. Zu dieser Zeit haben wir im nächsten Hafen vor Anker gelegen und ein Königskrabbenfischer kam kurz an Bord mit seinem letzten Fang. So konnten wir die Königskrabben aus direkter Nähe betrachten. Eigentlich ist die Königskrabbe oder auch Monsterkrabbe, wie sie manchmal genannt wird, ein Eindringling in die Natur Norwegens, denn ihr natürlicher Lebensraum ist der nördliche Pazifik. Doch sowjetische Wissenschaftler hatten in den 1960er Jahren Versuche unternommen, die Krabbe in der Nähe von Murmansk auszusetzen, um der dortigen Bevölkerung eine bessere Nahrungsgrundlage zu geben. Das Experiment gelang und die Krabbe fühlte sich hier pudelwohl, denn es gab keine natürlichen Feinde, die sie jagen. So konnte sie sich ungehindert ausbreiten und kam von Murmansk nach Nord-Norwegen und mittlerweile sogar bis zu den Lofoten. 1997 ist dann mit der stetig steigenden Population der kommerzielle Fang der Krabben erlaubt worden.

Das Ganze wäre eigentlich kein Problem, doch wohin die Krabbe auch kommt, frisst sie alles auf ihrem Weg und zerstört so das biologische Gleichgewicht an Norwegens Küsten. Zu ihrem Speiseplan gehören Muscheln, Seesterne aber auch Fischreste und Algen. Zusätzlich zerstört sie mit ihren Armen die Netze der Dorschfischer. Insofern hatte ich heute auch zwei Varianten der Geschichte zu den Königskrabben gehört. Unser Guide zum Nordkap sprach von einer Katastrophe geschaffen von Menschenhand, während der Krabbenfischer von „seinen Lieblingen“ sprach. Leicht verständlich, verdient ein Fischer doch knapp 130 Kronen pro Kilo Krabbe (ca. 13 EUR) und allein dieses Jahr wurden tausende von Tonnen gefischt. Verkauft an uns Endkunden wird die Krabbe dann zwischen 800 und 1000 Kronen pro Kilo – spätestens jetzt wundert man sich nicht, wenn ein Krabbenfischer seine „Lieblinge“ verteidigt.
Die Krabben können eine „Spannweite“ von 1,5m und ein Gewicht von 12kg erreichen, also ganz schöne Wummer. Beliebt sind sie als Delikatesse vor allem wegen dem recht hohen, besonders aromatischem Fleischanteil in den Beinen und Scheren. Der Körper der Krabbe ist dagegen nicht essbar.
Wir konnten drei Exemplare an Bord beobachten und auch mal anfassen. Eines davon war ein Weibchen und der Fischer hatte uns gezeigt, wie sie unter ihrem Panzer die Eier trägt, aus denen bis zu 400.000-500.000 neue Krabben schlüpfen können, von denen dann ca. 2% bis zum Erwachsenenalter überleben – immerhin auch noch bis zu 10.000 Krabben pro Weibchen.

Nachdem der Fischer wieder weg war und wir abgelegt hatten, bin ich zurück auf die Kabine geflüchtet, um dem Schaukeln zu entgehen, bis ich mich zum Abendessen aufgerafft hatte. Schwankend ging es dann zum Restaurant. Reiseleiter Asgeir Larsen formulierte es wiefolgt: Kommen sie schnellstmöglich ins Restaurant, gehen sie aber langsam.

Einmal im Restaurant angekommen, wurde das Essen zunächst abenteuerlich, denn der Kapitän setzte dazu an, den Kurs zu ändern. Dabei kamen wir so sehr im Schaukeln, dass ein Gast (dessen Gewicht das Meine deutlich überschritt) mit seinem Stuhl umgekippt und krachend auf den Boden gefallen war. Kurz darauf gab es auch in der Küche ein großes Scheppern. Das Ganze wurde alles andere als witzig, als wir uns immer wieder am Tisch festkrallen mussten, um nicht auch unfreiwillig zu Boden zu gehen. Aber auch dem Personal ging es nicht anders. Je nach Lage des Schiffes kamen die Kellner nur so aus der Küche geschossen oder kamen in kleinen Schritten, als würden sie gerade den Mount Everest besteigen.
Gottseidank waren wir kurz darauf in Mehamn eingelaufen und so hatten wir zumindest 30 Minuten Ruhe beim Essen. Es gab heute sehr guten Saibling, doch den konnte ich schon nicht mehr richtig wertschätzen, denn zu dem Zeitpunkt befanden wir uns wieder auf See und heute rollte das Schiff nicht, sondern stampfte, was arg unangenehm war. Wir hielten alle noch bis zum Nachtisch aus, aber kurz darauf bin ich schnellstmöglich auf die Kabine gelaufen und habe mich dort unter Aufbringung aller Koordinationsanstrengungen wieder in die Horizontale verfrachtet und den Tag damit auch beendet.

Einen Weckruf wegen Nordlicht habe ich diesmal ignoriert, denn das Schiff schaukelte so stark, dass ich mir nicht sicher war, heil an Deck zu kommen. Morgen sollte ich dann erfahren, dass dies das bislang stärkste Nordlicht auf der Tour war – Pech gehabt, beim nächsten Alarm bin ich wieder dabei.

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Autor:Jens Koopmann