Mit der MS Lofoten auf die Hurtigrute – Teil 9: Die (ehemalige) nördlichste Stadt der Welt

Was war das für eine Nacht! Es war kaum möglich, mal in den Tiefschlaf zu versinken, denn das Schiff kam immer mehr ins Schaukeln und ich rollte immer von einer Seite zur anderen im Bett. Mal stieß ich mit dem Kopf gegen die Wand, mal mit den Knien und mal mit den Füßen. Und das immer im Wechsel. Es schaukelte wirklich wie auf der Achterbahn und so gegen 2 Uhr Nachts fing es dann an, die Kabinen neben mir zu zerlegen und deren Inventar folgte ab diesem Moment dem Rhythmus der Wellen. Solang ich allerdings lag, war alles in Ordnung mit mir und Übelkeit kein Thema. Allerdings plagte mich ein anderes Problem: ich musste aufs Klo. Um dorthin zu kommen, musste aber die Strecke über den Flur überwunden werden und daran war bei dem Seegang nicht zu denken. Erst als wir den nächsten Hafen anliefen und es kurzfristig ruhiger war, konnte ich mal schnell rüberrennen. Am Morgen hatte ich dann erfahren, dass wir gar nicht angelegt hatten, wegen zu starkem Wind. Das gleiche Schicksal sollte auch die nächsten beiden Häfen ereilen. Die Nacht zog sich so immer mehr hin und ich war das Schaukeln langsam leid, denn mein ganzer Körper fühlte sich schon wie durchgerührt an. Erst kurz nach 8 Uhr wurde es etwas ruhiger und so bin ich schnell aus dem Bett und in Richtung des Frühstücks gelaufen. Dort haben schon Bente, Jürgen und Gertrud gesessen und sich ebenfalls von der Nacht erholt. Von unserer restlichen Tischgesellschaft fehlte dagegen noch jede Spur.

Vom Personal hatten wir erfahren, dass heute Nacht Windstärke 10-11 erreicht wurde, also ein ausgewachsener Orkan. Die Wellen müssen dabei bis an die Brücke hochgekommen sein. Als ich das gehört hatte, war ich doch reichlich erstaunt, wie gut ich die Nacht überstanden hatte.

Nach dem Frühstück habe ich dann die Kamera geschnappt und bin langsam an Deck marschiert, denn es wurde endlich heller und ich konnte es kaum erwarten, wieder etwas Frischluft zu bekommen. Die Häfen von Kjøllefjord, Honningsvåg und Havøysund hatten wir ja ausgelassen und waren jetzt auf dem Weg nach Hammerfest.
Es war eisig aber trocken draußen und der Himmel war z.T. aufgerissen, so dass es wieder mal eine richtig schöne Lichtstimmung gab und so bin ich bis zum Einlaufen in Hammerfest an Deck geblieben.

Bevor wir Hammerfest angelaufen hatten, kamen wir noch an der Insel Melkøya vorbei. Die Insel wäre selbst nicht der Erwähnung wert, würde sie nicht durch ihre Industrieanlagen auffallen. Die Anlagen gehören zu einer Fabrik, die Flüssiggas herstellt. Das dafür benötigte Gas hat man im Meer vor Hammerfest gefunden in 3 verschiedenen Feldern, die man übersetzt Schneewittchen, Aschenputtel und Albatros genannt hat. Die Erdgasfelder befinden sich auf dem Meeresboden rund 140km von Melkøya entfernt, doch auf der Insel befinden sich die Lager und Verarbeitungs- sowie Verflüssigungsanlagen, die die ersten Ihrer Art in Europa waren bei der Eröffnung 2007. Die Entdeckung der Gasfelder lag zu diesem Zeitpunkt allerdings schon mehr als 20 Jahre zurück, nur fehlte damals noch die Technik, um das Gas vom Meeresboden zu fördern und hier in geschützter Lage nahe dem Festland zu verflüssigen. Eine Lösung über Plattformen, wie in Südnorwegen war hier im Norden bei dem rauen Wetter des Polarmeeres nicht denkbar, insofern musste das Gas irgendwie an Land. Die Technik für den Industriekoloss stammte übrigens aus Deutschland von der Firma Linde.


Passend zur vorbeiziehenden Insel Melkøya fuhr gerade auch ein Flüssiggastanker an uns vorbei mit seinem Schleppboot. Ohne ein solches Schleppboot wäre er hier nicht manövrierfähig genug.
Direkt hinter der Fabrikinsel begann dann der Ort Hammerfest, dessen Hafen wir angesteuert hatten.


Wie schon Vardø gestern, ist auch Hammerfest ein Zentrum des Pomorenhandels gewesen. Grund dafür war die Lage, die einen rund ums Jahr eisfreien Hafen hier im Norden garantierte. Seit 1789 besitzt der Ort dann auch Stadtrechte, auch wenn damals nur weniger als 350 Menschen hier lebten. Dennoch gab es auch zu der Zeit schon einen regen Schiffsverkehr. Viele Fischer nutzten den Hafen, aber auch die Expeditionsreisen kamen hierher bevor sie in den hohen Norden weiterfuhren, um Proviant aufzufüllen. Heute leben in Hammerfest fast 7.000 Menschen und pro Jahr legen mehr als 4.000 Schiffe hier an.
Viel alte Bausubstanz durften wir bei unserem Aufenthalt aber nicht erwarten, denn die Stadt fiel zunächst 1856 einem Sturm zum Opfer, 34 Jahre später dann einem Feuer und schließlich verwüsteten die Deutschen im 2. Weltkrieg die Stadt auf ihrem Rückzug und ließen lediglich ein einziges Haus stehen.
Wir hatten etwas über eine Stunde Aufenthalt in Hammerfest, doch dafür mussten wir erst einmal von Bord kommen. Wir lagen schon vor Anker und waren gut vertaut, doch irgendwie hatte man am Hafen unsere Ankunft verschlafen, jedenfalls kam keiner mit der Gangway angefahren. Alle Hurtigrutenschiffe haben eigentlich ihre eigene Gangway an Bord – alle, bis auf die Lofoten, die immer noch von Land aus angedockt werden muss. Irgendwann muss der dafür zuständige Mitarbeiter jedoch aus seinem Winterschlaf erwacht sein, denn er kam mit dem Gabelstapler übers Eis gerutscht und brachte uns unter verhaltenem Beifall unsere Ausstiegsmöglichkeit, so dass ich kurz darauf an Land war.


Es war recht eisig heute, aber mit Skihose und warmen Sachen war das alles kein Problem. Direkt am Hafen befindet sich der Eisbärenclub und wer will kann hier auch offizielles Mitglied werden. Ich brauchte aber zunächst erstmal eine Karte des Ortes und bin dann raus auf einen kleinen Rundgang gegangen, denn die frische Luft tat richtig gut.
Am Hafen gab es eine Skulptur zu sehen, die einen Eisbrecher im Packeis zeigt und damit auf die Geschichte der Stadt mit ihrer Fischerei und den Expeditionsreisen verweist. Unweit davon befand sich das Rathaus vor dem ein paar Eisbärenfiguren aufgestellt waren. Aber keine Sorge: lebendige Exemplare waren nicht in Sicht – schade eigentlich…


Danach bin ich der Hauptstraße bis zur neuen Kirche gefolgt, die erst 1961 fertig gestellt wurde. Alle älteren Kirchen wurden im Laufe der Zeit – zuletzt von den Deutschen – zerstört. Die Kirche erinnert von außen mit ihrer Dreiecksform an die Eismeerkathedrale in Tromsø und im Licht der Dämmerung (die Nacht setzte langsam ein, es war immerhin schon 12 Uhr mittags) herrschte eine schöne Abendstimmung.


Im Gegensatz zur Eismeerkathedrale lohnte sich hier jedoch der Blick hinein in die Kirche, zumal er kostenfrei war. Im Inneren dominiert eine schöne Holzausstattung, die mit den Dreiecksformen ein tolles Liniengebilde abgibt. Am Giebel dominiert dagegen ein großes Glasmosaik.


Als wir hier hereinkamen (unterwegs hatte ich Sabrina aufgegabelt), hatte wir einen dieser magischen Momente auf der Reise erwischt, denn es probte gerade ein Kinderchor einige Weihnachtslieder. Dies war wirklich eine ergreifende Stimmung und hätte das Mitternachtskonzert heute hier mit den Kindern und nicht in Tromsø stattgefunden, so wäre ich garantiert nochmal her gekommen.
So blieb es aber bei einem kurzen Besuch und danach bin ich kurz über den Friedhof durch knappe 40cm frischen Schnee geschlendert, da von dort der Blick auf die Kirche am schönsten ist. Der Rest des Weges führte mich dann zurück zum Hafen, wo ich mir noch kurz einen Magneten von der Reise besorgt hatte und dann wieder an Bord bin.


NORDLICHTALARM

Die folgenden 2 Stunden hatte ich dann genügend Zeit, das Reisetagebuch wieder auf den aktuellen Stand zu bringen, da sich auch unsere Abfahrt aus Hammerfest aufgrund eines technischen Problems etwas verzögerte. Es blieb sogar noch etwas Zeit zur Entspannung, denn zu sehen gab es draußen bei der Dunkelheit nichts mehr – außer vielleicht später noch Nordlichter (hoffentlich).
Als wir 15:30 Uhr im 500-Seelen-Dorf Øksfjord ankamen, war ich nochmal aufs Außendeck gegangen, um ein wenig Frischluft zu erhaschen. Doch kaum war ich oben, war ich auch schon wieder unten, denn als ich sah, dass der Ort malerisch zwischen zwei Bergen gelegen war, musste ich doch nochmal die Kamera holen und da es schon so dunkel war, habe ich auch gleich noch das Einbeinstativ mit gegriffen. Außer ein paar Fotos gibt es aber sonst nichts aus dem kleinen Fischerdorf zu berichten.


Es war klare Nacht draußen, als wir Øksfjord wieder verließen und vorsichtig keimte die Hoffnung auf Nordlicht. Insofern blieb ich noch eine Weile draußen und irgendwann entdeckte ich auf der Backbord-Seite einen ganz leichten hellen Schein im Himmel. Also kurz mal die Kamera drauf gehalten und eine Langzeitbelichtung gemacht, denn nur so konnte ich sehen, ob es sich um Wolken oder Polarlicht handelte. Der Blick auf das resultierende Foto war aber eindeutig – der grüne Schein verriet erste Anzeichen von Polarlicht. Also Abwarten, ob sich mehr daraus entwickelt. Und es wurde mehr. Nach einigen Minuten wurde aus dem leichten Schein schon eine Säule und von da an ging es non-stop weiter. Immer wieder veränderte sich die Form, allerdings war es noch kein tanzendes Nordlicht, wie man es in den Dokumentationen immer sieht – aber mehr als an allen Tagen auf der Nordtour. Ich hatte echt Glück gehabt, draußen zu sein, denn eine Durchsage war bislang Fehlanzeige. Insofern ahnten viele in den Innereichen noch nicht, was ihnen hier draußen entging während sie sich in der Wärme entspannten.


Erst nach gut 10 Minuten kam dann die Durchsage und alle die noch nicht draußen waren, kamen nun auch an Deck. Aber das beste schien bereits vorbei zu sein, denn der Schein am Himmel verblasste wieder. Immerhin hatte ich ein paar Fotos machen können, wenn es auch schwer war, bei dem Seegang scharfe Aufnahmen zu bekommen, denn leider stampfte das Schiff nach der Ausfahrt aus Øksfjord ganz ordentlich.
Wer aber erstmal Nordlicht gesehen hat, hat Blut geleckt und da der Himmel noch immer klar war und das Leuchten noch nicht ganz verschwunden, harrte ich weiter im eisigen Wind aus und wurde schließlich belohnt.
Ganz plötzlich ging es wieder los und war wie ein Feuerwerk. Ein heller Schweif kündigte das Spektakel an und kurz darauf war der ganze Himmel am Tanzen. JETZT war es so, wie man es von Bildern und Videos her kennt und jeder der jetzt noch draußen war (es waren nicht viele), kam aus dem Staunen nicht mehr heraus – mich eingeschlossen. Das Licht strahlte nun so hell, dass es die ganze Landschaft beleuchtete und so war es möglich, mit kürzeren Belichtungszeiten auch schärfere Bilder zu erhalten. Zwar musste ich die ISO-Zahlen in astronomische Höhen schrauben, aber anders ging es nicht, schließlich waren wir auf einem fahrenden Schiff mit Seegang.


Laut Plan sollte in Kürze eine offene Seepassage folgen, insofern war ich seelisch und moralisch schon auf stärkeres Schaukeln eingestellt und jederzeit bereit, unter Deck zu gehen, aber bislang schien es sich zu halten und so fotografierte ich ununterbrochen weiter.
Das Lichtspektakel dauerte noch einige Minuten und flachte dann aber langsam wieder ab und diesmal schien es tatsächlich zu Ende zu sein. Zeit also, sich aufzuwärmen.


Nordlichter entstehen, wenn durch Eruptionen auf der Sonne elektrisch geladene Teilchen mit den Sonnenwinden bis zur Erde getragen werden. Hier auf der Erde treffen sie dann auf unsere Atmosphäre, die ja im wesentlichen aus Sauerstoff und Stickstoff besteht. Während des Zusammenstoßes kommt es zu einer Reaktion, bei der Licht freigesetzt wird. Der Zusammenstoß mit Sauerstoff-Atomen verursacht dabei das grüne Licht, welches gerade hier im Norden am häufigsten zu sehen ist. Bei der Reaktion mit Stickstoff ist das Nordlicht dagegen bläulich bis violett. Der Begriff Nordlicht ist übrigens gleichzusetzen mit Polarlicht oder auch Südlicht. Polarlicht ist dabei der Überbegriff für das Naturphänomen. Von den Menschen wahrgenommen wird jedoch nur das Licht im Norden (Nordlicht), da südlich des Südpolarkreises keine Menschen dauerhaft leben. Allerdings ist auch der Name Polarlicht etwas irritierend, denn bei günstigen Verhältnissen kann man das Naturschauspiel auch schonmal in Mitteleuropa beobachten und selbst in Griechenland und auf den Kanaren gab es schon Sichtungen.

Als ich reinkam, saß unsere kleine Tischgruppe schon beisammen und alle waren sie gespannt, ob ich wohl die Polarlichter hatte aufnehmen können – und ich hatte! Ich war noch völlig aufgelöst von dem Erlebnis, welches einfach ein ganz besonders Erhabenes gewesen war. So schnell werde ich diese Nacht wohl nicht vergessen.
Jetzt musste ich erstmal verschnaufen, bevor ich nochmal kurz auf die Kabine ging, um die eben gemachten Bilder zu sichern. Im Anschluss habe ich ein bisschen durch die Bilder gestöbert, die ich die letzten Tage gemacht hatte – es hatten sich immerhin schon mehr als 3000 Fotos angesammelt.
Kurz vor dem Essen bin ich dann wieder rauf und wir hatten alle noch beisammengesessen und uns unterhalten, als unmittelbar vor dem Essen eine Durchsage kam: Nordlicht! Also im Galopp runter zur Kabine, die Kamera gegriffen – diesmal auch die zweite Kamera mit Fisheye-Objektiv – Stativ und den Anorak übergeworfen und hektisch wieder nach oben gerannt.
Auf der Plattform neben der Brücke angekommen, sah ich einen hellen Schweif, der vor uns lag. Also Kamera startklar gemacht und los ging es. Aus dem Schweif wurden kurz darauf zwei Lichtsäulen und dann holte das Nordlicht wieder richtig aus. Wie ein Inferno stieg es hinter einem Berg auf und leuchtete in Kreisen, während andere Teile nur für wenige Sekunden über den Himmel tanzten. Das war ein echtes Geschenk und selbst die Mannschaft von der Brücke kam raus, um zu zu schauen, denn auch für sie war solch ein Spektakel nicht alltäglich.
Mittlerweile war es auch Zeit fürs Essen, aber ich hatte jetzt definitiv besseres zu tun. Keine zehn Pferde hätten mich in dieser Situation von meinem Platz wegbekommen und schon gar nicht für eine Blumenkohlsuppe.


Nach dem Spektakel über dem Berg wurde das Nordlicht zwar schwächer, aber kurzzeitig gab es doch immer wieder was zu sehen und so blieb ich noch fast eine weitere halbe Stunde stehen, bis schließlich nur noch ein kleiner Rest am Himmel war und ich beschloss, es gut sein zu lassen.
Mit all meiner Apparatur bin ich dann zum Essen hinunter, wo die anderen die ersten beiden Gänge bereits hinter sich gelassen hatten. Ich kam also pünktlich zum Hauptgang – Rentierfilet – welcher nach dem eben Erlebten gleich nochmal so gut schmeckte. Abgerundet wurde das Ganze durch eine Nachspeise mit Karamelleis und einer mit Nougat überzogenen Birne – das beste Dessert bislang.

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