Reisebericht – New York, DC und die Südstaaten der USA – Teil 22: Miami und die verlorene Zeit

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Endlich in Miami angekommen, sollte uns der heutige Tag viel Sonne versprechen und von daher gab es nur ein Ziel: Miami Beach. Doch nach dem gestrigen langen Tag hatten wir erstmal ausgeschlafen und gut gefrühstückt, bevor wir knapp 15 Minuten auf die Miami vorgelagerte Insel gefahren sind. Das Auto hatten wir dann auch recht zentral an der 13th Street nur wenige Meter vom Ocean Drive in einer Tiefgarage abgestellt, wo es den Rest des Tages auch bleiben sollte, denn später am Tag noch einen Parkplatz finden ist gar nicht mal so einfach.

Wir wollten uns zunächst einen Audio Guide besorgen, der uns etwas durch den Art Deco-District von Miami Beach führt, denn das ist wohl die bekannteste Sehenswürdigkeit neben den Stränden. Den Audio-Guide haben wir im Art Deco-Center an der 10. Straße bekommen und sind dann aufwärts in Richtung Norden am Ocean Boulevard gestartet.

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Miami Beach ist das jüngste Stadtviertel der USA, welches bereits unter Denkmalschutz steht und hat mit rund 800 Art-Deco-Gebäuden die höchste Dichte dieses Stils weltweit.

Art Deco in Miami hat einige einfache Erkennungsmerkmale, an denen sich die Gebäude identifizieren lassen. Das erste ist die Zahl 3. Die meisten Gebäude haben drei Stockwerke, 3 Farben in der Fassade, 3 Fenster pro Stockwerk. Dazu kommen die Augenlider über den Fenstern, welche als Sonnenschutz dienen. Ebenso sind abgerundete Ecken, vertikale Linien und Eingänge an den Ecken der Gebäude typisch für den hiesigen Stil. Was man ebenfalls viel sieht, sind Anlehnungen an maritime Motive. So findet man kleine Türme die wie Leuchttürme aussehen, gerundete Fassaden wie ein Schiffsbug, Kugeln an der Fassade, welche an Luftblasen erinnern und einiges mehr.

Wir kamen allerdings nur eine Straße weiter, bis Milly von jemandem angesprochen wurde, der ihr ein tolles Angebot machte: zwei Touren zum Preis von einer. Erst eine Stadttour durch Miami in der man Miami Beach, Downtown, Coral Gables, Coconut Grove, das Biltmore Hotel und Little Havanna sieht und danach Freizeit zum Shoppen und schließlich eine Fahrt mit einem Glasbodenboot durch die Bucht von Miami und rund um Key Biscane. Jeder der Teile sollte rund 90 Minuten dauern und das ganze für 35 EUR pro Person. Der Verkäufer redete solang auf uns ein und wirkte wirklich vertrauenswürdig und so haben wir am Ende zugestimmt die Tour zu machen. Einziger Nachteil: unsere Audio-Tour durch das Art Deco-Viertel musste nun kürzer ausfallen, denn wir hatten nur noch eine Stunde, bis die Tour begann. Also haben wir uns etwas gesputet

Direkt wo wir standen war auch eines der bekanntesten Häuser am Ocean Drive, welches ironischer Weise nicht im Art Deco-Stil gehalten ist:  die Casa Casuarina. Das Gebäude war einst Wohnsitz eines Erben des Standard-Oil-Imperiums, bevor es später in eine Künstlerunterkunft umgewandelt wurde. Bekannt wurde es aber in unserer Zeit im Jahr 1992, als Gianni Versace das Gebäude kaufte, um- und anbaute und hier seine Residenz hatte, bis er auf der Vortreppe 1997 erschossen wurde. Heute ist das Gebäude verschlossen und ein privater Club, so dass man nicht hinter die Mauern und Hecken schauen kann.

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Weiter ging es dann zum Leslie- und Carlyle-Hotel, zwei typischen Vertretern des hiesigen Art Deco Stils. Hier konnte man gut erkennen, das die Gebäude je 3 Stockwerke hatten und pro Stock drei Fenster. Hinzu kamen die Vorsprünge (die Augenlider) über den Fenstern als Schattenspender, vertikale Linien zwischen den Fenstern und die eben schon angesprochenen 3 Farben (beim Carlyle weiss, pastellgrün und ein rosa).

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Bis vor 100 Jahren war Miami Beach noch nichts von dem was es heute ist. Geplant waren damals vielmehr Kokosnuss-Plantagen auf der kleinen Insel. Dies änderte sich (wie an vielen Stellen der Ostküste) mit dem Bau der Eisenbahn durch Henry Flagler. Plötzlich kamen Touristenströme in den Süden und mit ihnen Geld und der Bedarf nach Unterkünften. Was war da attraktiver, als den Strand von Miami Beach für die Touristen zu nutzen, anstatt für den Anbau von Kokosnüssen. So schossen die meisten der heutigen 800 Art Deco Gebäude in den zwanziger bis vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts aus dem Boden. Viele stammen aus der Zeit nach 1926, denn in diesem Jahr erwischte ein Hurrikan Miami Beach und zerstörte viele frühere Gebäude. Kokospalmen findet man heute noch im Lummuspark, welcher den Ocean Drive vom Strand trennt und wo findige Geschäftsleute frisch geöffnete Kokosnüsse anbieten. Doch dafür hatten wir heute leider keine Zeit und so ging es direkt weiter – allerdings nur wenige Schritte.

Eines der nächsten interessanten Gebäude war das Netherland Hotel. Es hebt sich deutlich durch seine höhere Bauart vom Rest des Ocean Drive ab. Als Grundregel gilt: alles was mehr als drei Stockwerke hat, wurde erst nach der Erfindung des Fahrstuhls gebaut, oder zumindest später nach der Erfindung erweitert. Diesem Gebäude wurden noch in den 90er Jahren drei weitere Stockwerke hinzugefügt, doch diese sind sehr exklusiv, denn sie gehören Bono von U2.

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Weiter ging es dann zum Postamt, welches in einem auffälligen runden Bau, der einem Tempel ähnelt, untergebracht ist. Hübsch sind im Inneren auch die kleinen Schließfächer, die zeigen, mit wieviel Liebe zum Detail man damals noch gebaut hat.

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Unweit davon war dann das alte Rathaus der Stadt, welches im zweiten Stil errichtet ist, welchen man in Miami Beach häufiger antrifft: Mediterranian Revival. Carl Graham Fischer, der ein Vermögen mit Autolampen machte und auch mit Grundstücksspekulationen nach dem Hurrikan 1926 viel Geld verdiente, spendierte der Stadt Miami Beach das Rathaus, welches sie dann bis 1977 nutzen sollte. Fischer dagegen hatte weniger Glück, denn seine Millionen pulverisierten sich im Börsencrash von 1929 und er starb als armer Mann.

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Danach mussten wir  unseren Spaziergang dann abbrechen, denn wir mussten ja um 1 Uhr bei unser ¨Super¨-Miami-Komplett-Tour sein.

Wir waren dann auch pünktlich da, aber nur um am Ende festzustellen, dass wir noch gemütlich weiterlaufen hätten können, denn der Bus kam nicht vor halb 2. Als er dann schließlich kam, fiel direkt auf, dass er auch schon bessere Zeiten gesehen hatte, aber es ging dann zumindest mal los – dachten wir. Ging es aber nicht, denn erstmal mussten wir noch weitere Passagiere einsammeln, so dass es letztlich 2 Uhr war, als es endlich losging.

Wir fuhren dann kurze 10 Minuten durch Miami Beach, um dann nach Downtown zu fahren, wo wir aber auch nur kurz durchgerauscht sind, um weiter nach Coral Gables zu kommen und nach Coconut Grove. Unterwegs hatten wir einen kurzen Blick auf das Biltmore Hotel werfen können. Nirgendw aber gab es die Gelegenheit, auch nur kurz aus dem Bus Fotos zu machen, denn immer ging es direkt weiter, ohne anzuhalten. Von einem Stop beim Hotel, wovon beim Verkäufer die Rede war, haben wir nichts mehr mitbekommen, stattdessen kamen wir uns fast vor, wie auf der Flucht.

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Einen kurzen Stop gab es dann in Little Havanna, wo eine ¨Führung¨ durch eine Zigarrenfabrik versprochen wurde. Die Führung gestaltete sich derart, dass wir mit 36 Personen in einen kleinen Raum gestellt wurden, wo ein armer Hund Zigarren rollte, während der Busfahrer eine Werbeveranstaltung für die angebotenen Zigarren machte und die Leute zum Kauf animierte. Irgendwie hatte ich mir auch das etwas anders vorgestellt.

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Wir sind dann schnell dort wieder raus und haben die restliche Freizeit genutzt, damit ich mir eine Kubanischen Kaffee holen konnte, welcher zwar endlich mal wieder etwas stärker aber dafür auch unglaublich süß war und ein kleines Sandwich zu essen. Danach ging es dann auch schon weiter und zwar direkt zurück nach Downtown, wo die Bootsfahrt auf uns wartete. Aber da war doch noch was… Die Gelegenheit zum Shoppen für 1,5h war auch irgendwie aus dem Programm gefallen. Am Hafen war dann auch von einer Bootsfahrt von nur noch 1h die Rede, statt 1,5h aber immerhin sollte es ein gechartertes Boot sein. Nur halt – sollte es nicht eigentlich ein Glasbodenboot sein? Immer diese Details….

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Das Boot war dann ein Wassertaxi und war so klein, dass nicht mal jeder nach draußen schauen konnte, zumal auch die Boardwände so hoch waren, dass keine gute Sicht möglich war. Wir sind dann in schneller Reihenfolge die Villen der Reichen und Schönen abgefahren, so die von Hemmingway, Henry Ford, Madonna und vielen anderen. Die versprochenen Delfine und Manatees haben sich allerdings nicht blicken lassen und irgendwie war dann auch die Fahrt bis Key Biscayne unter den Tisch gefallen.

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Als dann noch die Rede von Trinkgeld war, mussten wir uns schon arg zusammenreißen. Als der Busfahrer, der uns dann in Miami Beach wieder einsammelte fragte, wie wir die Tour fanden und wir ihm sagten, dass wir eigentlich was anderes erwartet hatten, war er total erstaunt (wers glaubt…) und meinte, dann müssten wir uns bei dem Verkäufer beschweren –  nur dass der wahrscheinlich sich heute nicht mehr hier blicken lassen würde.

Wir waren jedenfalls recht enttäuscht und ich durchaus ein wenig geladen. Noch nichtmal so sehr wegen des rausgeschmissenen Geldes, sondern vielmehr wegen eines verlorenen halben Tages, den man viel besser und schöner hätte Nutzen können.

Ich musste mir dann erstmal meinen Frust etwas ablaufen und so bin ich noch etwas durch den Art-Deco District gelaufen, um zu fotografieren, wobei ich den Ocean Drive ausgelassen hatte, da jetzt die Sonne dort nicht im Rücken war. Milly hatte während der Zeit einen kleinen Bummel durch die Geschäfte gemacht.

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Als wir uns wieder getroffen hatten sind wir dann zum Freedom Center gelaufen, wo es eine öffentliche Videoübertragung eines Klassikkonzertes des New World Symphony Orchestras um 8 Uhr geben sollte. Bei Picknikatmosphäre und bei einer Pizza to go klang so der Tag noch recht versöhnlich aus. In der Pause bin ich sogar noch kurz dazu gekommen ein paar Nachtbilder zu machen, auch wenn das Blau im Himmel schon weg war.

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So ging dann ein sehr gemischter Tag zu Ende. Es hätte ein toller Tag werden können, wären wir nicht auf diese Nepp-Tour hineingefallen. Hätten wir zumindest kurz im Internet geschaut, hätten wir erfahren, dass wir nicht die einzigen mit schlechten Erfahrungen bei denen sind, aber das ist im Nachhinein auch nur ein schwacher Trost. Zumindest war der Abend versöhnlich und wir müssen halt schauen, dass wir die nächsten Tage jetzt wieder unser gewohnt schönes Programm durchziehen. So sind wir dann leicht enttäuscht vom Tag zurück ins Hotel gefahren, allerdings auch schon mit etwas Vorfreude, denn morgen soll es in die Everglades gehen.

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Autor:Jens Koopmann