Mit der MS Lofoten auf die Hurtigrute – Teil 6: Ein erster Tag in der Polarnacht

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Nachdem es gestern 1 Uhr war, als ich ins Bett kam und es heute nicht vor 9 Uhr hell werden würde, hatte ich den Tag sehr ruhig angehen lassen und zunächst mal bis Viertel nach 8 ausgeschlafen.

Als ich mich dann langsam aus dem Bett gepellt und soweit zurechtgerenkt hatte, dass ich zum Frühstück bereit war, zeigte die Uhr bereits 9 Uhr an. Damit hatte ich die Häfen von Stokmarknes, Sortland, Risøyhamn und Harstad verpasst.Das Frühstück habe ich dann mit Bente, die zwar in Deutschland lebt, aber aus  Norwegen kommt, gegessen. Sie ist ebenfalls zum ersten Mal auf den Hurtigruten unterwegs. Wir hatten uns schon die letzten Tage das eine oder andere Mal unterhalten, was aber hier auf dem Schiff einfach dazu gehört – bei nur 90 Mann an Bord geht man sich nicht aus dem Weg und irgendwann hat man mal mit jedem geplaudert. Es ist fast schon wie eine kleine Familie geworden in den letzten Tagen. Während des Frühstücks kam dann die Durchsage, dass es heute die Möglichkeit gibt, die Brücke zu besichtigten. Da durfte ich natürlich nicht fehlen und habe mich direkt nach dem Frühstück angemeldet. Ich bekam 9:50 Uhr als Zeit zugeteilt (natürlich nicht ich persönlich, sondern ich wurde einer Gruppe zugeordnet).Es blieb so noch ein Moment, mal kurz an Deck zu schauen, wo es langsam heller wurde und ich die ersten Bilder des Tages eingefangen habe.

Die Führung auf der Brücke war interessant, schließlich sieht man sowas ja nicht alle Tage. Die Brücke ist eine Mischung aus alten Instrumenten, die noch aus der Erstausstattung von 1964 stammen, sowie modernen Anlagen, die später hinzugefügt wurden. So gibt es heute elektronische Seekarten, digitale Steuergeräte und einiges mehr, aber auch noch die alten Steuerhebel und Anzeigen.

Der Motor der Lofoten hat rund 3300 PS und ist wie vieles hier auf der Brücke noch Original aus dem Jahr 1964 und damit einer der ältesten Schiffsmotoren, die noch in Betrieb sind. Bei voller Leistung läuft der Motor mit 200 Umdrehungen pro Minute, was auch die Vibrationen erklärt, die ich jede Nacht so lebhaft in meiner Koje mitbekomme. Ansonsten hat der Motor den ein oder anderen Rekord bereits aufgestellt, worüber auch ein kleines Plakat bei der Rezeption im Schiff informiert. So hat er per 18. Juli 2015 um 14:59 Uhr:

  • 300.000 Betriebsstunden geleistet
  • 114 Millionen Liter Diesel verbraucht
  • 7,4 Millionen Kilometer zurückgelegt (nur mal fürs Verhältnis: das entspricht 185 mal um den Äquator oder 9,6 Mal zum Mond und zurück!)
  • 3,24 Milliarden Umdrehungen der Propeller angetrieben
  • 22,68 Milliarden Zündvorgänge  absolviert

Wenn man sich das so vor Augen führt, bekommt man unweigerlich Respekt vor der alten Lady – zumindest ging es mir so. Die Lofoten zu steuern ist für den Kapitän ebenfalls spezieller, als es bei den moderneren Schiffen der Flotte ist, denn das Schiff verfügt über keine Hilfsmittel wie rotierbare Propeller oder Seitenstrahlruder. Deshalb nutzt der Kapitän oft den Anker, um das Schiff im Hafen zu positionieren.

Das Leben als Kapitän bei den Hurtigruten besteht immer aus einem 2 Wochen-Zyklus. Zunächst wird zwei Wochen je 7 Tage á 12 Stunden gearbeitet und danach gibt es 2 Wochen frei. Für unseren Kapitän Eivind Lande endete heute seine Schicht und er sollte in Tromsø von Bord gehen. Das heißt aber wiederum nicht, dass in Tromsø  die ganze Mannschaft wechselt. Vielmehr kommen und gehen an jedem Hafen immer ein paar Leute, je nachdem, wo die Mitarbeiter halt leben. Das erklärt, dass plötzlich die letzten Tage immer mal ein paar neue Gesichter in der Mannschaft aufgetaucht sind. Am Ende der Führung gab es plötzlich einen Warnton, der auch nicht weggehen wollte und so war das ein willkommener Anlass für den Kapitän, uns von der Brücke zu werfen. Trotzdem fand ich es überhaupt toll, dass wir die Gelegenheit hatten und sich der Kapitän die Zeit für uns genommen hatte. Auf einem größeren Schiff wäre dies sicher so nicht möglich gewesen.

Wieder draußen, kam ich gerade zur richtigen Zeit, denn die Aussicht war wirklich schön und wir machten uns daran, den Hafen Finnsnes anzulaufen. Die Anfahrt war beeindruckend, war sie doch gesäumt von den Lichtern, die bereits am frühen Nachmittag leuchteten und der Brücke im Hintergrund, die den Eingang in den Gisund bildete. Zudem zeigte sich am Himmel schon ein leichtes Abendrot (wohlgemerkt zur Mittagszeit). Von Bord bin ich hier nicht gegangen, denn viel zu sehen gab es eh nicht.

 

Der Ort erlebte erst in den letzten 100 Jahren sein Bevölkerungswachstum, denn noch 1875 gab es hier erst 75 Einwohner. 75 Jahre später waren es schon fast 1200 und bis heute stieg die Zahl auf etwas über 4.000 an. Nach knappen 15 Minuten ging es dann auch schon weiter durch die Gisundbrücke in den Gisund hinein, der nur 500m breit ist.

Die Brücke ist gut 1,5 Kilometer lang und zählt damit zu den längsten Pfeilerbrücken in ganz Europa. Am anderen Ufer verbindet sie Finnsnes mit der Insel Senja, welche die zweitgrößte Insel Norwegens ist. Passend zur Abfahrt hatte sich der Himmel auch noch weiter aufgeklart und das Abendrot leuchtete in pinken und violetten Tönen, während wir durch den Sund schaukelten.Doch von der anderen Seite zog ein Schneegebiet mit uns mit. Dessen Geschwindigkeit war allerdings höher als die unsere, so dass es kontinuierlich auf uns auf- und uns schließlich einholte. Damit war es dann auch vorbei mit dem Abendrot und dem Fotografieren, denn es blieb nur eine einzige graue Suppe da draußen.Insofern war es die richtige Zeit zum Mittagessen und zum Verschnaufen bis wir in Tromsø ankommen würden.

TAG 5: TROMSØ

Erst kurz vor dem Einlaufen in Tromsø bin ich wieder raus und habe die Einfahrt in die „Hauptstadt der Arktis“ oder auch das „Paris des Nordens“, wie Tromsø gern genannt wird, genossen. Es war gerade der letzte Rest der blauen Stunde und so waren die Berge noch in schönes Licht getaucht als wir in der Stadt ankamen.

Natürlich ist der Blickfang in Tromsø die Eismeerkathedrale, welche schon von Weitem zu sehen ist. Daneben dominiert aber auch die Tromsøbrücke die Landschaft, die mit ihren 1016m Länge die beiden Ufer des Fjords verbindet. Tromsø ist die größte Stadt in der Region mit rund 55 Tausend Einwohnern. Als wir eingelaufen sind, wollte ich noch ein Panorama von der Stadt aufnehmen, während das Abendrot so schön über dem Berg schien, doch das Boot hatte noch nicht angelegt und so lief der Motor, womit die Vibrationen ein scharfes Bild vom Stativ aus nicht ermöglicht hatten. Mir blieb also nur, eine verrauschte Aufnahme mit hoher ISO-Zahl zu machen. Als wir dann endlich angelegt hatten und der Motor aus war, war das schöne Licht natürlich vorbei und stattdessen zog ein Schneeschauer durch die Stadt – was ein Pech. Es war ein ordentliches Schneegestöber und innerhalb weniger Minuten war der Boden komplett weiss.Ich habe noch am Kai gewartet, bis der Schauer vorüber war, so dass ich dann noch einen Versuch für mein Panorama unternehmen konnte, aber die Magie des Lichts war zu dem Zeitpunkt schon verklungen. So ist das halt manchmal und ich musste ohne das perfekte Foto weiterziehen zu meinem eigentlichen Ziel, der Eismeerkathedrale.

Der Weg dorthin führte durch den Hafen, wo es noch einige schöne Ausblicke auf die Tromsøbrücke und das Hafengelände gab, bis ich die Brücke selbst erreicht hatte, die zum anderen Ufer und damit zur Kathedrale führt.Es war recht geschäftig in der Stadt und so beeindruckend die Brücke aus der Ferne wirkt, so schmal ist sie, wenn man über sie hinweg läuft. Sie wurde 1960 eröffnet und ist die einzige Straßenverbindung zwischen der alten Stadt und dem anderen Ufer.

Drüben angekommen, habe ich mein Stativ aufgebaut und die Eismeerkathedrale aus so ziemlich jedem Blickwinkel fotografiert.

Eismeerkathedrale ist der Spitzname für die Kirche, die eigentlich Tromsdalen Kirche heißt. Erbaut wurde sie bis 1965 und ist damit ein modernes nordisches Bauwerk. Zu der Form der Kirche habe ich mehrere Interpretationen gelesen. Zum einen soll sie einen Eisberg imitieren, während andere Quellen behaupten, die Form soll an die Gestelle der Stockfischproduzenten auf den Lofoten erinnern. Was auch immer die Intention des Künstlers war, beides klingt plausibel. Gerade bei Nacht, wo die Kirche beleuchtet war, war ihr Anblick von außen sehr schön gewesen. Es lohnte aber auch der Gang zur Rückseite – was man sonst leicht vergessen könnte, denn hier kann man von außen das größte Glasmosaik Europas bestaunen, welches die Auferstehung Jesus zeigt.

Wer nun glaubt, dass sich diese Faszination im Inneren der Kirche fortsetzt, wird gnadenlos enttäuscht. Immerhin 40 NOK sind für den Eintritt fällig und dafür sieht man von innen nur einen schmucklosen Betonraum, der so Nichts wirklich zu bieten hatte, außer der Möglichkeit, sich kurz aufzuwärmen. Diese Gelegenheit hatte ich wegen des gerade mal wieder vorbeiziehenden Schneegestöbers gern wahrgenommen. Auch das Mosaik war von innen eher schmucklos und so bin ich, nachdem meine Finger aufgetaut waren, direkt wieder raus.

Im Anschluss ging es dann über die Brücke zurück auf die andere Stadtseite, wo die MS Lofoten noch auf uns wartete. Da es auch dort weiter schneite, bin ich nur kurz entlang des Hafens gelaufen und dann zurück zum Schiff, so dass mir noch etwas Zeit blieb, bis wir ablegen sollten.

In dieser Zeit wollte ich eigentlich mein Reisetagebuch schreiben, doch ich kam nicht weit, weil eine Norwegerin, die nur kurz zu Besuch auf dem Schiff war, mich in ein Gespräch verwickelte und als sie dann schließlich weg war, waren wir auch bereit zum Auslaufen und es war Zeit fürs Abendessen.Insofern musste das Reisetagebuch warten und wurde gegen ein Arktisches Buffet mit viel Fisch und Königskrabbe getauscht. Nach dem Essen gab es dann eine Stockfischpräsentation, doch kurz zurvor noch  Nordlichtalarm. Also nichts wie los, auf die Kabine gerannt, die Kamera und das Stativ geschnappt und dann wieder auf Deck gehechtet, nur um dort festzustellen, dass das Spektakel gerade in dem Moment zu Ende war, als ich mal meine Apparatur aufgestellt hatte.

Zurück zur Stockfischpräsentation… Die Gegend um die Lofoten ist bekannt für die Herstellung von Stockfisch und einer der, wenn nicht der größte Produzent dieser Ware. Bei Stockfisch handelt es sich um Kabeljau, der nach dem Fang ausgenommen und dann paarweise über ein Gestell gehängt wird. Dies passiert im Frühjahr und der Wind sorgt dann mit der Zeit dafür, dass der Fisch austrocknet, bis er rund 85% seines Gewichts verloren hat. Damit ist er dann kostengünstig transportierbar und kann über Jahre hinweg gelagert werden.Um den Fisch wieder genießbar zu machen, gibt es zwei Wege, denn ein einfaches Essen ist nach dem Trocknen nicht mehr möglich, so steinhart ist der Fisch geworden. Die eine Variante sieht vor, den Fisch mit dem Hammer zu bearbeiten, bis er in kleine „Chips“ zerfällt, die man dann essen kann. Eine Probe davon konnten wir auch bei der Präsentation genießen – schmeckt wie Kartoffelchips mit Fischgeschmack. Die zweite Variante sieht vor, dass man den Fisch mehrere Tage ins Wasser legt. Damit nimmt er quasi seinen Ausgangszustand wieder an und kann dann normal gekocht, gedünstet oder gebraten werden. Eine dritte Variante gibt es auch noch und die sieht dann das Eintauchen in Lauge vor. Dies gab es am 1. Tag am Buffet und war nur bedingt mein Fall.

Stockfisch und Klippfisch sind übrigens fast das Gleiche, nur dass beim Klippfisch zur Unterstützung beim Trocknen Salz auf den Fisch gegeben wird. Klippfisch wird in der Regel auch eher südlich der Lofoten hergestellt. Nach der Präsentation war es dann genug für mich für den heutigen Tag und ich bin ab in die Koje, wo es über Nacht wieder ganz ordentlich schaukelte.

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Autor:Jens Koopmann