Mit der MS Lofoten auf die Hurtigrute – Teil 3: Auf dem Weg nach Ålesund

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Die letzte Nacht war unruhig gewesen. Die Halte in Florø und Måløy hatte ich nur vom Bett aus mitbekommen, als die Maschinen gestoppt haben. Immer wieder wurde ich wach durch das Schaukeln des Schiffes und als 7:30 Uhr der Wecker klingelte, war ich eigentlich in der Stimmung, mich nochmal gepflegt für eine halbe oder ganze Stunde umzudrehen. Dann kam aber wenige Minuten später eine Durchsage, die allen Passagieren riet, so schnell wie möglich zum Frühstück zu kommen, da uns eine offene Seepassage von 1,5-2h bevorstand, auf der es etwas stärker schaukeln könnte. Also nix da mit nochmal umdrehen, sondern stattdessen, schnell in die Klamotten geschlüpft und zum Frühstück gegangen. Es schaukelte dort schon ganz gut und Balance war gefragt, wenn man Essen und Teller gemeinsam an den Tisch bekommen wollte. Bereits gestern war mir aufgefallen, dass alle Stühle angekettet und die Tische fest verankert waren – das musste ja seinen Grund haben…
Das Frühstück war lecker, aber ich habe mich mehr auf die Wellen konzentriert, als aufs Essen, schließlich galt es die Bewegungen des Körpers mit denen des Schiffes zu synchronisieren. Leider war es draußen noch stockfinster und so konnte ich nicht mal rausschauen, um mich am Horizont zu orientieren. Von daher blieb als einzige Möglichkeit im Moment erst einmal aufzuessen und danach bin ich zurück auf die Kabine und hab mich hingelegt, während das Schiff sich im ständigem Auf und Ab der Wellen befand.
Die Achterbahnfahrt dauerte noch eine Stunde an, bis sich die Bewegungen endlich etwas gelegt hatten. Damit war es dann schon halb 10 und es sollte draußen auch etwas heller sein. Zeit also, sich die Kamera zu schnappen und sie mal zum Einsatz zu bringen. Welch Überraschung es dann war, als ich rauskaum und so was wie Sonnenschein zu sehen bekam. Damit hatte ich bei der Wettervorhersage für den heutigen Tag gar nicht gerechnet! Gleichzeitig zogen seitlich vom Schiff immer neue Bergketten vorbei, die bei der Lichtstimmung zu mehr als nur einem Foto einluden. Also ran an die Arbeit – ich mein natürlich das Vergnügen.


Im Hintergrund waren die Berge bereits mit Schnee bedeckt, während in den tieferen Lagen noch alles braun und grau war. Während die Berge allerdings im sicheren Abstand zu uns waren, passierten wir auch immer wieder einige der vielen kleinen Felsen, die aus dem Meer heraus ragten. Diese waren teilweise schon sehr nah am Schiff – wehe man kommt hier also vom Kurs ab, dann kann das böse enden.
Selbst auf vielen der kleinen Inseln, welche an uns vorbeizogen, waren noch Häuser zu finden und oft fragte ich mich, wer dort wohl leben möge, denn es gab weder Versorgung noch sonst etwas hier. Streng genommen handelt es sich bei den Inseln auch um keine Inseln, denn man nennt sie Schären. Entstanden sind sie während der letzten Eiszeit, als Norwegen vollständig vom Eis bedeckt war. Das sich ständig bewegende Eis, schliff den Boden unter sich ab und drückte die Landmassen unter Wasser. Mit dem Rückgang des Eises begann die Erde – von dem auf ihr lastenden Gewicht befreit – sich langsam wieder zu heben. Dort wo die vorher versunkenen Teile wieder die Meeresoberfläche erreichten, zeigen sich heute die Schären. Der Prozess der Erdanhebung ist bis jetzt in ganz Norwegen noch nicht beendet und so entstehen immer wieder neue kleine Landmassen und die bestehenden Inseln vergrößern sich.
Auf der Fahrt passierten wir auch immer wieder Leuchtfeuer die regelmäßig entlang der Küste platziert sind. Dank der Feuer ist die Navigation entlang der Küste heute selbst bei schlechtem Wetter noch gut möglich, doch dem war nicht immer so. Der erste Leuchtturm in Norwegen wurde erst 1655 erbaut. Bis zu diesem Zeitpunkt war man einzig auf die Kenntnis der Passage durch den Kapitän angewiesen. Ein Fahren bei Nebel oder Sturm war undenkbar. Selbst 200 Jahre später gab es nur 27 Leuchttürme bzw. Leuchtfeuer. Doch dann stieg die Zahl rapide an und in den 1930er Jahren waren es 212 Leuchttürme und tausende von Leuchtfeuern bzw. Bojen. Auch wenn das jetzt sehr viel klingt, muss man bedenken, dass Norwegen eine Gesamtküste von mehr als 80 Tausend Kilometern hat, d.h. mehr als 2x so lang wie der Äquator. Diese Küstenlänge ist nicht zuletzt den vielen kleinen Inseln und den langgezogenen Fjorden geschuldet.
Direkt am während der Fahrt vorbeiziehenden Ufer begannen die Berge und so ist die Erreichbarkeit vieler Orte von Land aus, gerade im Winter, sehr schwierig oder gar unmöglich. Dies erklärt, warum die Seefahrt in Norwegen eine solch große Bedeutung hat. Nicht umsonst nennt man die Schiffsroute entlang der Küste auch „Reichsstraße Nr. 1“, denn selbst, wenn Straßen gesperrt und der Flugverkehr zum Erliegen gekommen ist, fahren die Hurtigrutenschiffe meist noch planmäßig jeden Tag Richtung Norden und Süden.
Begleitet von toller Lichtstimmung sind wir langsam nach Torvik gekommen, dem nächsten Hafen auf der Route und dem ersten, den ich wirklich mitbekommen sollte. Torvik selbst ist nicht mehr als eine kleine Ansammlung von Häusern mit einem Pier und die größte Aktivität des Tages entfaltet sich wahrscheinlich an den 2 Zeitpunkten, wo die Hurtigrutenschiffe hier ankommen. Es blieben uns nur knappe 10-15 Minuten, in denen Waren aus- und eingeladen wurden – zu wenig Zeit für mich, um von Bord zu gehen. Dieses Prozedere sollte sich die nächsten Tage noch zahlreich wiederholen, denn die Hurtigrute ist keine klassische Kreuzfahrt mit wenigen, langen Aufenthalten, sondern eine Schiffslinie, die häufig, aber meist nur kurz anlegt, bis auf die größeren Orte, wo wir auch mal eine Stunde oder gar etwas länger bleiben werden.

Kurz darauf waren wir auch schon wieder unterwegs, noch immer begleitet von ein paar Sonnenstrahlen und blauen Abschnitten am Himmel. Die Sonne schaffte es auch immer wieder einzelne Berge in ihr warmes Licht zu hüllen, was dann besonders schön aussah. Jedenfalls verbrachte ich die kompletten folgenden 2 Stunden an Deck, bis wir in Ålesund ankamen und wurde während der Zeit belohnt mit immer neuen schönen Aussichten.



ÅLESUND – STADT DES JUGENDSTILS
Es war 12 Uhr als Ålesund, die Stadt Jugendstils, vor uns erschien und das Wetter versprach, auch für die kommenden Stunden noch gut zu bleiben. Beste Voraussetzungen also für einen Landgang. Die Geschichte der Stadt kann bis ins 11. Jahrhundert zurückverfolgt werden, allerdings gibt es aus dieser Zeit keinerlei Zeugnisse mehr. Ålesund ist auf 5 Inseln erbaut und wird wasserseitig vom Aspevagen und dem Valderhaug-Fjord eingerahmt. Wie so häufig war die Wahl zur Gründung einer Siedlung auf diesen Ort gefallen, da sich hier gute Bedingungen für einen Hafen vorfanden.

Wiegesagt, ist aus der frühen Zeit der Stadt nichts mehr erhalten, denn ein Feuer am 23.01.1904 zerstörte fast alle Gebäude in Ålesund, die noch in traditioneller Holzbauweise errichtet waren. Die Not nach dieser Katastrophe war groß und viele Menschen brauchten ein neues Zuhause. Hilfe kam in dieser Zeit auch aus Deutschland von Kaiser Wilhelm II. Der deutsche Monarch pflegte seine Urlaube in Norwegen zu verbringen und sandte, nachdem er von dem Unglück hörte, sofort Hilfe nach Ålesund. Die Dankbarkeit der Norweger gegenüber dem deutschen Staatsoberhaupt war so groß, dass die Hauptstraße direkt am Kai, wo wir angelegt hatten, nach dem Kaiser benannt wurde.

Direkt nachdem die MS Lofoten den Anker gesetzt hatte, bin ich zügig von Bord gegangen, denn ich wollte die 3 Stunden Aufenthalt bei anhaltend gutem Wetter nutzen, um mir die Beine zu vertreten und das Panorama der Stadt vom Hausberg Aksla zu fotografieren. Bis zum Fuß des Berges sind es nur knappe 10 Minuten vom Pier, doch dann galt es 418 Stufen zu überwinden, bis die Aussichtsplattform in 189m Höhe erreicht ist.
Meine Knie nahmen mir auch heute noch den gestrigen Abstieg vom Fløyen in Bergen übel, aber wenn es ein Panorama zu fotografieren gibt, dann kenne ich kein Halten. Insofern musste ich auf den Berg hinauf, schmerzende Knie hin oder her. Vorsichtig ging es so Stufe für Stufe die Treppen hinauf und schon während des Aufstiegs boten sich immer wieder tolle Ausblicke auf die Stadt und die nahegelegenen Bergketten und Inseln im Meer. Begleitet von der tiefstehenden Sonne bot sich eine Lichtstimmung, die an jeder Ecke zum Verweilen und Fotografieren einlud, so dass der Aufstieg am Ende weit weniger beschwerlich war, als es die 418 Stufen zunächst vermuten ließen.
Nach weiteren 10 Minuten war ich auf dem Gipfel angekommen und habe meine Fotoreihen aufgenommen, bevor es wieder hinunter ging und wenn es 418 Stufen hinauf waren, so waren es auch exakt 418 Stufen wieder hinab. Abwärts dauerte es allerdings etwas länger als aufwärts, da die Knie das Runtergehen noch weniger mochten als den Aufstieg. Insofern lief ich zwar wie ein 80-jähriger, kam aber trotzdem stetig voran.

    

Unten angekommen, stand ich am Denkmal des Wikingers Hrolf Ganger, besser bekannt auch unter dem Namen Rollo. Er war es, der den letzten großen Überfall der Wikinger (Normannen) auf Frankreich im Jahr 911 anführte. Hrolf Ganger hieß übersetzt soviel wie “Rolf der Fußgänger”, was der Legende entsprang, dass Hrolf so groß gewesen sein soll, dass kein Pferd ihn tragen konnte und er so immer zu Fuß gehen musste. Aus Rolf wurde dann Rollo (eine Form von Raoul). Sein Denkmal steht hier in Ålesund, da er Sohn von Jarl Ragnwald von Ålesund (Jarl ist der Fürstentitel bei Wikingern) war. Nach dem Überfall auf Frankreich blieb Rollo in dem fremden Land und herrschte über Teile der Normandie, wo er auch im Jahr 931 in Rouen begraben wurde. Berühmter noch als er selbst wurde allerdings einer seiner Nachfahren, der als William the Conqueror in die Geschichte einging und 1066 König von England wurde.

Es blieb nun noch Zeit für einen Rundgang durch die knapp unter 46.000 Einwohner zählende Stadt, welche auch als Zentrum des Jugendstils bekannt ist. Diese Bekanntheit verdankt sie letztlich dem Feuer von 1904 in dessen Folge die ganze Stadt neu wieder aufgebaut werden musste und da der Jugendstil damals gerade die „Mode“ in der Architektur war, findet sich hier ein recht homogenes Stilgebilde aus dieser Epoche. In keiner Stadt in Europa findet sich noch ein solches gesamthaftes Jugendstilensemble. Kennzeichnend für diesen Stil sind recht verspielte Fassaden mit häufigen Blumenverzierungen. Gleichzeitig kam mit der Jugendstilbewegung auch die Abkehr von symmetrischen Hausformen hin zu Fassaden, die sich mehr an der Funktion der Gebäude orientierten.


In der Stadt selbst war allerdings sonst nicht viel los – es wirkte alles sehr verträumt und ruhig und so blieb es auch bei einem kurzen Rundgang für mich, bevor ich zurück zur MS Lofoten gegangen bin, zumal sich über den Bergen langsam aber sicher dunkle Wolken breit machten.


Bis zur Abfahrt des Schiffs blieb so noch Zeit, ohne das in Kürze wieder anstehende Schaukeln etwas am Reisebericht zu schreiben . Kurz nachdem wir Ålesund verlassen hatten, gab es von unserem Reiseleiter an Bord eine kurze Präsentation einer typisch norwegischen Spezialität: gepökelte Lammkeule. Sie ist von der Herstellung und dem Geschmack vergleichbar mit Parmaschinken – sehr lecker.

Draußen gab es hingegen nicht mehr viel zu sehen. Es zog sich zu und die Dunkelheit setzte wieder ein. Von daher blieb jetzt Zeit zum Entspannen und Tagebuch schreiben, bis wir den nächsten Hafen Molde gegen 18:30 Uhr erreichen sollten.
Eigentlich eine gute Gelegenheit, ein paar Worte zum Schiff zu verlieren. Die MS Lofoten ist die „Alte Lady“ in der Flotte der Hurtigruten. Seit 51 Jahren im Dienst ist sie das letzte verbliebene klassische Postschiff. Alle anderen Schiffe sind deutlich neuer und orientieren sich zunehmend an den Maßstäben heutiger Kreuzfahrtschiffe.
Die Lofoten hat knapp 150 Betten und fasst maximal 400 Passagiere. Im Gegensatz zu den anderen Schiffen der Reederei kann sie keine Autos (mehr) mitnehmen (früher gab es mal ein paar Plätze). Die Inneneinrichtung ist teilweise noch original so erhalten, wie sie 1964 war. So dominieren Holz und warme Farben und vermitteln eine Gemütlichkeit, die moderne Schiffe so nicht bieten können. Die MS Lofoten ist dank ihres Alters und dem ständigen Linienbetrieb auch das Schiff, welches den Rekord an Überquerungen des Polarkreises hält. Auch der Antrieb ist eine Besonderheit, denn der 2-Takt-Dieselmotor verrichtet ebenfalls seit über 50 Jahren seinen Dienst. Aufgrund des Alters müssen beim Komfort an Bord der Lofoten ein paar Abstriche gemacht werden. Die Kabinen sind recht eng, Fahrstühle gibt es keine (bei nur 5 Decks aber auch kein Problem) und über Stabilisatoren verfügt das Schiff auch nicht, was ich heute Morgen ja schon gemerkt hatte. Alles in allem ist die Lofoten die beste Gelegenheit auch heute noch eine klassische Postschiffreise zu unternehmen – und ich war mittendrin in diesem Erlebnis.
Molde haben wir dann pünktlich erreicht und für ein paar Fotos von Deck aus bin ich nochmal kurz rausgegangen. Es war natürlich schon zappenduster, insofern hatte es sich nicht wirklich gelohnt, in der halben Stunde, die wir hier vor Ort waren, noch von Bord zu gehen.

Nachdem wir Molde verlassen hatte, blieb noch Zeit, sich frisch zu machen und die Bilder der letzten Tage zu sichern, bis es Zeit fürs Abendessen war. Hier wurde heute zunächst Melone mit Schinken und Pinienkernen serviert, dann eine Miesmuschelsuppe gefolgt von Steak (wie waren uns nur nicht einig, wovon das Steak war) und als Nachtisch schließlich eine Creme. Alles war, wie schon gestern, lecker und nachdem es zu Beginn des Essens noch gut geschaukelt hatte, blieb es danach erstaunlich ruhig, so dass wir alle das Abendessen genießen konnten.
Um 22 Uhr sollten wir dann Kristiansund erreichen, was ich aber schon nicht mehr mitbekommen hatte. Ich war zu geschafft von den letzten Tagen und kurzen Nächten, so dass ich direkt nach dem Essen in die Koje gehüpft bin und die Liegezeit und damit verbundene Ruhe in Kristiansund genutzt habe, um einzuschlafen.

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Autor:Jens Koopmann