Dem deutschen Volke

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Der Reichstag in Berlin ist neben dem Brandenburger Tor wie kaum ein anderes Gebäude in Deutschland ein Symbol der (z.T. unrühmlichen) deutschen Geschichte, genauso wie der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Wer der Gebäude betritt nimmt dabei unweigerlich zuerst den großen Schriftzug über dem Eingangsportal wahr: DEM DEUTSCHEN VOLKE.

Diese Inschrift war bereits bei der Fertigstellung des Reichstages 1894 vorgesehen, aber wurde noch für viele Jahre nicht realisiert, da ein Streit um den Wortlaut ausbrach. Die Bürger waren der Meinung, man müsse den Reichstag nicht dem deutschen Volk widmen, schließlich hat es doch das deutsche Volk für sich gebaut und war bereits Besitzer des Gebäudes. Man stritt sich in der Folge mehr als 20 Jahre über den richtigen Schriftzug, der den Besucher des Reichstages beim Betreten begrüßen sollte und erst mitten im ersten Weltkrieg, genauer gesagt 1916,  einigte man sich schließlich darauf, die ursprünglich geplante Inschrift doch noch anzubringen.

Das Material für die Inschrift wurde bedacht ausgewählt. Symbolisch wurden 2 erbeutete Kanonen aus dem Befreiungskrieg 1815 eingeschmolzen und es entstanden die 60cm hohen Buchstaben aus der Kriegsbeute. Es mag fast ironisch klingen, dass es eine jüdische Familie war, welche den Schriftzug für das Deutsche Volk goss, welches es nur wenige Jahre später verfolgen sollte Es waren die Gebrüder Loevy, welche den Auftrag ausführten. Die Familie stammte ursprünglich aus Pommern und Vater Loevy hatte zwei Söhne, von denen einer sich durch Adoption und Assimilation in die deutsche Gesellschaft einfügte, während der andere – Albert Loevy – dem jüdischen Glauben treu blieb. Sein Sohn Ernst Loevy übernahm in den 20er Jahres die Gießerei und führte das Geschäft noch erfolgreich bis 1939. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Familie enteignet, Loevy Zwangsarbeiter. Er überlebte – genau wie seine Mutter – den zweiten Weltkrieg nicht – dafür aber die in seiner Firma hergestellte Inschrift am Reichstag. Ihr fehlten nur 2 Buchstaben, während der Reichstag sonst eine Ruine war.

Mehr zur Familie Loevy gibt es in diesem interessanten Artikel: Spiegel

Die nach dem Krieg beschädigte Inschrift blieb bis 1994 in diesem Zustand, bis die Restaurierungsarbeiten am Reichstag begannen. Heute steht sich wieder wie selbstverständlich am Eingangsportal und nur wenige wissen um die Geschichte, die diese Inschrift in sich trägt.

 


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Autor:Jens Koopmann