Bewegungen fotografieren – Der Graufilter

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Fotografie, das ist das Einfangen von Momenten, von Bruchteilen von Sekunden, in denen alles auf einem Bild zum Stillstand kommt. So war es dank der Fotografie auch erstmals möglich Bewegungsstudien von Tieren durchzuführen, da diese auf dem Bild in ihrem Ablauf festgehalten werden konnten, was das menschliche Auge in der Form nicht vermag.

Daher ist die Fotografie in den meisten Fällen die Kunst des eingefrorenen Bildes, im Gegensatz zum Film, der von Bewegung und Aktion lebt.

Was nun aber, wenn das Ziel einer Momentaufnahme, d.h. eines Fotos, ist, Bewegung darzustellen? In diesem Fall hat der Fotograf zwei Möglichkeiten:

  1. Er zeigt das bewegte Objekt scharf und lässt aus Zeichen der Bewegung den Hintergrund verwischen. Dies kann durch die sogenannte Mitziehtechnik erreicht werden. Sie erfordert zwar etwas Übung, ist aber prinzipiell mit jeder Kamera realisierbar ohne zusätzliches Zubehör. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass das bewegte Objekt sich horizontal oder vertikal bewegt in Bezug auf den Fotografen. Kreisbewegungen oder Bewegungen hin- oder weg vom Fotografen, lassen sich mit dieser Technik nicht realisieren.
  2. Bewegung wird durch Unschärfe gezeigt, d.h. dadurch, dass ein Objekt selbst unscharf in einem sonst scharfen Bild ist. Ein oft schon gesehenes Beispiel sind Bilder von fahrenden Autos bei Nacht, bei denen nur noch die Streifen ihrer Rücklichter im Bild erscheinen.

Dieser Artikel beschäftigt sich damit, wie Bewegung durch Unschärfe in der Fotografie erzeugt werden kann. Um ein solches Bild zu erzeugen braucht es vor allem eines – eine entsprechend lange Belichtungszeit. Mit einer 1000stel Sekunde wird es ziemlich unmöglich sein, Bewegungen verschwimmen zu lassen. Bei einer Belichtung von 1 Sekunde hingegen werden selbst spazierende Personen bereits unscharf abgebildet.

Wie werden nun aber diese Belichtungszeiten erreicht? Zunächst einmal sollte die ISO-Empfindlichkeit der Kamera weitmöglichst zurückgesetzt werden auf einen niedrigen Wert, z.B. ISO 100. In der Nacht dürfte dies allein schon ausreichen, dass die Belichtungszeiten lang genug werden. Anders ist es jedoch an einem sonnigen Tag. Hier sind die Belichtungszeiten bei ISO 100 oft trotzdem noch viel zu kurz. Ohne weiteres Zubehör zu nutzen, hat der Fotograf nur noch die Möglichkeit, die Blende zu schließen, um somit eine längere Belichtung zu erzeugen. Geht man beispielsweise von einer Blende 8 aus, so kann durch Schließen der Blende auf Blende 11 bzw. Blende 16 die Belichtungszeit ca. verzwei- bzw. vervierfacht. Dem sind jedoch Grenzen gesetzt, denn einerseits kann die Blende nicht unbegrenzt verkleinert werden und zum anderen sinkt die Gesamtschärfe ab einem bestimmten Punkt bedingt durch die Beugungsunschärfe bei den Optiken. Insofern ist das Schließen der Blende über Blende 11 bis 16 hinaus oft nicht mehr sinnvoll. Wenn also bei Blende 8 eine Belichtung von einer 1000stel-Sekunde erreicht wird, sind es bei Blende 16 immernoch 1/250stel-Sekunde – zu kurz für die meisten Bewegungen.  Insofern ist diese Methode nur hilfreich bei der Dämmerung, wo die Lichtsituation schon etwas längere Grundbelichtungszeiten hergibt.

In anderen Fällen hilft nur eines: die Kamera braucht eine Sonnenbrille. Dies ist kein Scherz, denn nichts anderes sind Graufilter (oft auf Neutraldichtefilter / Neutral Density Filter oder kurz ND-Filter) genannt. Die Blockieren einen mehr oder weniger großen Teil des Lichts, so dass weniger Licht auf den Sensor der Kamera fällt. Weniger Licht hat dann eine längere Belichtungszeit zur Folge, was ja der gewünschte Effekt ist. Graufilter gibt es in verschiedenen Stärken, welche mit Bezeichnungen wie ND2, ND4, ND8, ND64, ND1000 (es gibt noch weitere Zwischenstufen) versehen sind. ND8 heisst dabei, dass sich die Belichtungszeit im Vergleich zur Nutzung ohne Filter um den Faktor 8 verlängert – aus einer 1000stel Sekunde wird so eine 125stel Sekunde.  ND1000 heisst demnach, dass aus einer 1000stel Sekunde eine ganze Sekunde wird. Viele Fotografen haben bereits einen leichten Graufilter bei schönem Wetter dabei, denn auch ein Polarisationsfilter ist ein Graufilter, der meist die Belichtungszeit um den Faktor 4 verlängert, sprich wie ein ND4-Filter wirkt.

Graufilter können auch kombiniert werden, indem mehrere Filter hintereinander geschraubt werden. Die Stärken müssen dabei multipliziert werden. Aus einem ND8- und einem ND4-Filter wird so zusammen ein ND32-Filter (8×4).

Welchen Filter sollte man nun nehmen? Zunächst sei ein Polfilter grundsätzlich empfohlen, da er neben der Belichtungsverlängerung noch weitere positive Eigenschaften hat, wie Farben zu intensivieren, oder Spiegelungen abzuschwächen. Da dieser allein jedoch selten ausreicht, um Belichtungszeiten genug zu verlängern, sollte man noch einen weiteren Filter hinzukaufen. Hier gilt es abzuwägen, welche Stärke der Filter haben soll. Ein weiterer ND2, ND4 oder ND8 ist aus meiner Sicht nicht ratsam, da sich diese Effekte dann auch durch Abblenden erreichen lassen. Mein Tip daher: ein ND64-Filter. In Zusammenarbeit mit dem Polfilter, Abblenden und/oder Anpassung des ISO-Wertes lassen sich so eine Vielzahl von ND-Filtern simulieren, wie die nachfolgende Tabelle zeigt:

Ausgangspunkt für die Tabelle ist eine Kamera mit Blende 8 und ISO 100:

Filterstufe Möglichkeit 1 Möglichkeit 2
ND2 Eine Stufe abblenden auf Blende 11 Polfilter nutzen (ND4) und ISO auf 200 setzen.
ND4 Abblenden auf Blende 16 Polfilter nutzen (ND4)
ND8 ND64-Filter und ISO auf ISO800 setzen Polfilter nutzen (ND 4) und abblenden auf Blende 11
ND16 ND64-Filter und ISO400 Polfilter nutzen (ND4) und abblenden auf Blende 16
ND32 ND64-Filter und ISO200
ND64 ND64-Filter
ND128 ND64-Filter und abblenden auf Blende 11 ND64-Filter + Polfilter und ISO200
ND256 ND64-Filter und abblenden auf Blende 16 ND64-Filter  und Polfilter
ND512 ND64-Filter + Polfilter und Blende 11
ND1000 ND64-Filter + Polfilter + Blende 16

Mit nur 2 Filtern kann man so also ganze 10 Filter simulieren. Es gibt zwar auf variable Graufilter (ND2 bis ND400), deren Bildqualität ist jedoch umstritten.  Zudem sind die variablen Filter auch größer und dicker und führen so leichter zu Abschattungen. Normale ND-Filter gibt es dagegen auch in der Slim-Ausführung, so dass sie kaum Vignettierungen produzieren.

Mit der vorgestellten Kombination aus Polfilter und ND64-Filter lassen sich selbst bei starkem Sonnenschein in den meisten Fällen ausreichend lange Belichtungszeiten realisieren. Nur eines sollte man dabei auch beachten – eine längere Belichtungszeit erhöht auch die Gefahr von Verwacklungen und ab einem bestimmten Punkt wird zwingend ein Stativ oder eine stabile Unterlage notwendig.

Soviel nun also zur reinen Ausstattung. Wann aber bietet sich der Einsatz eines Graufilters an? Klassisch findet man ihn meist auf Bildern von fließendem Wasser, wie zum Beispiel bei Wasserfällen oder Stromschnellen. Auch am Stand mit den Meereswellen lassen sich schöne Effekte realisieren. Durch den Graufilter wird das Wasser dabei zu einem fließenden Schleiher, der sich wie Nebel legt. Die Bilder erhalten so einen verträumten Flair.

Hier ein Bild von den Wasserfällen bei Irrel in der Eifel, welches ohne eine lange Belichtungszeit viel langweiliger wäre:

Irrel

Die folgenden beiden Bilder des Neptunbrunnens nahe des Berliner Alexanderplatzes, zeigen ebenfalls schön, welch tollen Effekt ein Graufilter haben kann:

 

 

Aber nicht nur Wasser eignet sich, um mit einem Graufilter Bewegungen sichtbar zu machen. Im folgenden Bild wird die Weltzeituhr am Berliner Alex aufgenommen. Ein Motiv, was schon mehrfach totfotografiert wurde. Bei den meisten Bildern kommt jedoch nicht zu Geltung, dass die Uhr in Bewegung ist – der obere Teil recht schnell und darunter etwas langsamer. Mit dem Graufilter ließ sich hier die Bewegung im oberen Teil sehr schön visualisieren und ermöglichte so ein ungewöhnlicheres Bild eines vielfotgrafierten Objektes.

Eine weitere Möglichkeit ist es, mit dem Graufilter Personen und Fahrzeuge in Bewegung zu zeigen. Auch hier ein paar Bilder von Berliner Alexanderplatz:

 

 

Diese Bilder wirken durch die Bewegung wesentlich dynamischer, als ohne den Graufilter und unterstreichen damit das Großstadtleben.

Andere Motive die sich anbieten sind die Kirmes, Windräder, Bahnhöfe, Regen und sicherlich noch einiges anderes mehr. Graufilter sind ein kreatives Mittel und ihre Effekte können nur sehr bedingt mit der Nachbearbeitung am Computer simuliert werden. Schon deshalb lohnt sich die Anschaffung, zumal ein ND64-Filter bereits für Preise um die 30 EUR erhältlich ist.

 


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Kommentare

  • Hartmut 18. September 2013 Antworten

    Super Beschreibung und tolle Bilder zur Anschauung!
    Hab mir auch die Kombination gekauft und bin gespannt auf die Ergebnisse.

  • Marcel 24. Oktober 2012 Antworten

    Gute Anleitung und Ideen für den Einsatz von Graufiltern.

  • thomas 16. März 2012 Antworten

    hier gibt’s noch keine Kommentare dazu? kann doch garnicht sein.
    besten dank für diese sehr ausführliche Beschreibung!

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Autor:Jens Koopmann